Der Nachtleuchtende Wald


- Aus den Aufzeichnungen des Terson Koar, Lichtbringer -

Die Geschichte des Nachtleuchtenden Waldes ist eng mit der Elfe Aiéthne verbunden. Schon zu Lebzeiten galt sie als heilige Frau, die von den Passionen gesegnet war und viele gute Taten verrichtet hat. Sie war eine Schwester des Ordens des Lichts, der im Kloster im Schlund beheimatet ist. Ihr allein war die Ehre zuteil, die Weide des Lichts bewachen und ihrem Gesang lauschen zu dürfen. Die Weide ist ein ganz besonderer Baum; man sagt, er wurde von den Passionen gepflanzt und sich von der Aufrichtigkeit und Freude der Namensgeber nähren. Er ist ein Symbol des Guten in der Welt.
Nun trägt die Weide des Lichts alle tausend Jahre Samen, und dieses lang erwartete Ereignis fiel in die Zeit kurz vor der Plage. Die Mönche und Nonnen im Kloster waren sehr aufgeregt, denn niemand wußte genau, ob die Weide sicher war vor dem Einfluß der Dämonen. Das Kloster war zwar einigermaßen gut geschützt und hatte sich schon lange um Schutzmechanismen bemüht, aber man wollte absolut sicher gehen, daß die Weide und ihr Erbe die Plage überlebten.
Also beschloß der Abt, die neun Samen, die die Weide hervorgebracht hatte, in die Hände derer zu geben, die genug magische Macht angesammelt hatten, sie sicher aufzubewahren.
Diese bedeutsame Aufgabe wurde Aiéthne zugedacht, denn jeder war sicher, daß die Passionen über ihren Weg wachen würden. Aiéthne sollte jedem der großen Herrscher Barsaives drei Samen der Weide bringen, um sicherzugehen, daß sie im Schutz der großen Caers von Thera, Throal und dem Wyrmwald die Plage sicher überstehen würden. Sie wurde von einigen Mönchen des Klosters und einer Handvoll Adepten begleitet, die dem Kloster in Freundschaft verbunden waren und für den Schutz der Gruppe sorgen sollten.
Sie wußten, daß die Zeit drängte, denn die Schatten der Plage kündigten sich bereits deutlich an. Niemand rechnete allerdings damit, daß bereits Dämonen in die physische Welt eingedrungen waren. Sie sollten eines besseren belehrt werden.
Nachdem die Gruppe bereits einige Wochen unterwegs und ins Herzland Barsaives vorgestoßen war, erreichten sie eine Gegend der Ödnis und Zerstörung. Ein Dämon hatte diesen Landstrich verwüstet und lauerte in den Ruinen einer Siedlung den Reisenden auf. Als die Gruppe in der Nacht ihr Lager aufschlug, überfiel sie die finstere Kreatur.
Der Kampf war kurz und schrecklich; zwar stellten sich die Adepten dem Dämon todesmutig entgegen, doch das schreckliche Wesen mähte sie nieder wie reifes Korn. Aiéthne versuchte, die Kreatur mit Hilfe machtvoller Magie und der heiligen Kraft der Lichtsamen zu bezwingen. Dadurch zog sie das Augenmerk des Dämons auf sich, und er ließ von den Adepten ab. Nach einem kurzen Zweikampf traf sie ein tödlicher Schlag des Wesens und sie fiel zu Boden. Das Kästchen mit den Samen der Lichtweide fiel in ihr Blut und einen Wimpernschlag später quollen sie auf zu einem kleinen Wäldchen, das in leuchtenden Lichtkaskaden erblühte. Der Dämon war geblendet von dem Licht und wand sich in heulendem Schmerz. Die Mönche sahen, daß die Kreatur wehrlos war und vertrieben sie mit ihren Wanderstäben aus dem Wald. Danach brachten sie die gefallenen Adepten in den Lichtwald und bestatteten sie. Wo Aiéthnes Körper gefallen war, wuchs nun eine kleine goldene Weide, und die Mönche erkannten den Baum als einen Ableger der Singenden Weide in ihrem Heimatkloster. Sie beschlossen, den heiligen Ort nicht mehr zu verlassen und ihn vor dem Einfluß des Bösen zu schützen.
Ein Jahr ging ins Land, und das Wäldchen wuchs weiter und bildete bald einen wundervollen Hain, der die Wunden des verödeten Landes zu schließen begann. Aber der Dämon, der von den Mönchen vertrieben worden war, wollte Rache für seine schmachvolle Niederlage. In der Gestalt eines Namensgebers warb er eine Horde Söldner und Banditen an, die er zu dem Leuchtenden Wald führte. Er versprach ihnen große Reichtümer und Gold jenseits ihres Ermessens, die im Herzen des Waldes verborgen lagen und nur von einer Handvoll alter Männer beschützt würden.
Im Licht der Mittagssonne ritten die Banditen in den Wald und metzelten die wehrlosen Mönche nieder, die verzweifelt versuchten, das Heiligtum zu schützen.
Als die schändliche Tat begannen war und das Blut der Mönche in den Boden des Waldes sickerte, starben die Lichtpflanzen und Bäume. Sie erloschen und alles, was von ihnen blieb waren schwarzverkohlte Baumstümpfe, so, als wäre ein gewaltiger Brand über sie hinweggerollt.
Die Banditen waren verwundert und wollten ihren Augen nicht trauen, und langsam begannen Zweifel in ihnen zu nagen. Der verwirrte Anführer befahl, umzukehren, und den seltsamen Fremden, der vor dem Wald auf sie warten wollte, nach dem Goldschatz zu befragen.
Doch nun, da der Wald verdorben war, konnte ihn der Dämon ohne Hindernis betreten. Er fand die Söldner, verwandelte sich wieder in seine wahre Gestalt und metzelte sie bis auf einen Mann nieder. Ihm verkündete er, daß er fortan als Erlöscher der Glut unter den Namensgebern bekannt sein solle und befahl, die Kunde der Vernichtung des Leuchtenden Waldes in alle Welt zu tragen.

Doch kaum einer weiß, daß Erlöscher den Wald nie ganz besitzen kann. Der leuchtende Wald wurde in einer Nacht der Helden geboren und an einem Tag des Verrats vernichtet.
Seit jener Zeit spielt sich an jenem Ort Tag für Tag und Nacht für Nacht ein Kampf zwischen den Kräften des Lebens und des Todes ab.
Nachts beginnen die toten Baumstümpfe zu glühen und bringen junge Triebe hervor, die sich rasch zu glitzernden Baumkronen ausbreiten. Aus dem Boden brechen Blumen und Gräser aus Licht, farbenfrohe Blüten entfalten sich zu atemloser Pracht. Bunte Lichtkaskaden ergießen sich wie Brunnen über den Boden und bedecken ihn mit einer weichen Schicht flimmernden Grases. Die Luft erfüllt sich mit einem sanften Klingen, das an einen weit entfernten Singsang erinnert. Über allem liegt eine Aura des Friedens und der Geborgenheit.
Im Herzen des Waldes wird jede Nacht aufs Neue eine Lichtung geboren, die von acht mächtigen Bäumen begrenzt wird. Ihr Blätterdach bildet fast eine Kuppel und gewährt kaum noch Sicht auf den Nachthimmel. Diese acht Bäume entstanden aus den Wanderstäben der acht Mönche, die den Dämon Erlöscher einst aus dem Wald vertrieben. Auf einem kleinen Hügel wächst die goldene Weide, die über Aiéthnes Grab und die Ruhe der gefallenen Adepten wacht. Die Blätter der Weide schimmern silbern und aus den filigranen weißen Blüten rinnt süßer Nektar, der wie Tränen auf den Waldboden tropft.
Kaum fällt aber das erste Licht des Morgens auf den Wald, stirbt er. Alles verwelkt, das bunte Glühen der Pflanzen erlischt. Es kommt ein Wind auf, der die Lichtfunken zerstäubt und wegträgt. Ein dumpfes Heulen ertönt, und langsam bilden sich die Bäume zurück zu den toten, verdrehten Baumstümpfen. Der Boden wird zu Asche und ein bitterer Geschmack liegt in der Luft. Im Herz des Waldes bleibt allein der Hügel erhalten, auf dem einsam eine aufs grausamste verzerrte Weide steht. Von den dürren Ästen, die wie wirre Haare vom Stamm abstehen, rinnt Blut, das in schweren Tropfen auf den toten Boden fällt. In dieser Zeit gehört der Wald Erlöscher. Mit all seiner dämonischen Macht kann er dem Wald befehlen, die Bäume mit Leben erfüllen und willenlose Kreaturen aus dem verseuchten Boden entstehen lassen. Sogar die Seelen der Gefallenen Adepten und der verratenen Banditen sind ihm am Tag hilflos ausgeliefert; Erlöscher kann sie aus ihren Gräbern rufen und zu seinen Sklaven machen.

So lautet die Geschichte. Und weil jeden Morgen das Licht der Sonnen den Wald zu Asche verbrennt, gab man ihm den Namen der Nachtleuchtende Wald.“

Kommentar

Der Nachtleuchtende Wald liegt in den Brachen und zieht noch heute sowohl Dämonen als auch Abenteurer an. Beide werden vom Dämon Erlöscher erwartet, der das Gebiet gegen Eindringlinge aller Art verteidigt. Es ist nicht bekannt, warum der Dämon das Gebiet nicht verläßt, da sich kaum Namensgeber in die Ödnis verirren, und er selten Beute dieser Art macht. Jene, die dieses Schicksal erleiden, zerstückelt der Dämon zunächst brutal, um sie dann seiner Horde Untoter hinzuzufügen.
Nachts entziehen sich aber alle seine Opfer seinem Befehl und werden wieder zu selbstdenkenden , wenn auch untoten, Wesen. Befinden sie sich auf dem Gebiet des Waldes, wenn die Nacht hereinbricht, zerfallen sie zu Lichtstaub und finden für eine Nacht Erlösung von der Qual ihrer Existenz.
Aus diesem Grund vermeidet Erlöscher natürlich, daß seine Untoten den Wald nachts betreten. Er hat sie ein unterirdisches Gebäude in den Ruinen anlegen lassen, in dem er sie nachts gefangenhält . Die Untoten sind dann frei vom Einfluß des Dämons und werden sich Nacht für Nacht ihres Schicksals bewußt. An dieser Qual weidet sich Erlöscher und zieht oft lachend seine Runden um das Gefängnis.
Tags lauert der Dämon meist in der Nähe der Lichtung oder in den Ruinen vor dem Wald. Seine Untoten durchstreifen den Wald und die Umgebung nach Opfern, kehren aber meist mit leeren Händen zurück.
Erlöscher achtet stets genau darauf, zu Sonnenuntergang das Waldstück wieder zu verlassen, damit er nicht darin gefangen wird. Auch seine Untoten lockt er immer wieder in ihr Gefängnis zurück.

Der Wald an sich
Der Nachtleuchtende Wald ist nachts ein absolut sicherer Platz vor dem Einfluß der Dämonen. Dämonenflüche und Male setzen in ihrer Wirkung aus, Besessene können wieder einen klaren Gedanken fassen. Die Aura des Waldes wirkt beruhigend und entspannend und fördert die Heilung. Erholungsproben, die in dem Wald abgelegt werden, erhalten einen Bonus von drei Stufen.
Tagsüber verspüren Charaktere ein ungutes Gefühl in den Wald; sie sind sehr reizbar und ruhelos. Mit jeder Stunde, die sie sich in dem Wald aufhalten, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß sie sich gegenseitig angreifen. Der Spielleiter kann von seine Charakteren Willenskraftproben gegen die Magische Widerstandskraft des Waldes (16) oder des Dämons (24) ablegen lassen. Mißlingen sie, werden die Charaktere gewalttätig.

Die Goldene Weide
Die Nektartropfen aus der Goldenen Weide haben eine starke Heilwirkung; ein Becher des Saftes wirkt wie ein Heiltrank mit einem Bonus von 10 Stufen. Es dauert jedoch eine Weile, aus den Tropfen eine trinkbare Menge zu gewinnen. Die Weide erbringt pro Nacht etwa vier Anwendungen des Nektars. Er kann in einem lichtdichten Gefäß etwa zwei Wochen seine Wirkung behalten.
Am Tag sondert die Weide Blut ab; wer es berührt oder gar trinkt, kann von Erlöscher mit einem Dämonenmal versehen werden. Außerdem wirkt das Blut ätzend und fügt jedem, der es berührt, Stufe 12 Schaden zu.

Aiéthne
In der Goldenen Weide schlummert noch immer der Geist Aiéthnes. Sie kann durch außergewöhnliche Taten (Spielleiterentscheid) aus diesem Schlaf geweckt werden und für Fragen zur Verfügung stehen. Ihr Wissen über das Wesen des Dämons Erlöscher kann unerläßlich im Kampf gegen die Kreatur sein. Außerdem verfügt Aiéthne natürlich über Informationen über die Zeit vor der Plage und ist sehr bewandert im Wesen der Magie. Ein Charakter könnte auf die Idee kommen, die als Lehrmeister zu benutzen. Dem steht prinzipiell nichts entgegen, allerdings stammt ihr Wissen aus der zeit vor der Plage. Zaubermatrizen sind ihr demnach unbekannt, und alles, was sie einem Charakter beibringen könnte, müßte über Rohe Magie abgewickelt werden.

Die Untoten
Erlöschers Untote bestehe aus der Handvoll Adepten, die einst Aiéthne begleitet haben, einigen der Mönche sowie der kopletten Horde der Banditen, die etwa dreißig Mann umfaßte. Dazu kommen etwa zwanzig Abenteurer und Namensgeber, die im Lauf der Jahrhunderte ihren Weg zu diesem Ort fanden.
Der Spielleiter entscheidet für sich, welchen Umfang Erlöschers Arme haben sollte.

Die Samen des Lichts
Dieses mächtige Artefakt entstand nach Aiéthnes Tod und fand durch die Hände eines Abenteurers, der das Glück hatte, den Fängen Erlöschrs zu entgehen, seine Weg aus den Brachen.