Das Tal der Gräber

Das folgende Dokument war Teil der Dokumentensammlung von Elaron dem Wanderer. Es entstammt der Feder des Zwerges Dresken, der scheinbar der letzte überlebende seiner Abenteurergruppe war. Es verkaufte es Elaron für ein paar Silberstücke mit der Bitte, es in die Große Bibliothek zu bringen, damit andere gewarnt seien vor den Schrecken, die im Tal der Gräber lauern.

- Nividia, Scholarin der Großen Bibliohtek -

Ich bin kein guter oder geübter Schreiber. Das ist eigentlich immer Nekis Aufgabe gewesen, aber sie ist jetzt tot, genauso wie alle anderen tot sind. Ich will dies aber dennoch aufschreiben, denn ich glaube das ist wichtig für andere. Was uns geschehen ist, soll sich nicht wiederholen.
Mein Name ist Dresken. Ich bin Illusionist und gehöre - nein, gehörte- zu einer Abenteurergruppe.Wir waren zu sechst. Unsere Anführerin war P‘kauris, eine Orkkriegerin. Neki war unsere Troubadourin, Gumsi ein Windlingsdieb, Vashira eine T‘skrang Schwertmeisterin und Rakon ein menschlicher Schütze vom Clan der Vorst. Und ich, natürlich.
Wir waren nun schon fast ein Jahr zusammen durchs Land gezogen und wir waren Freunde, gute Freunde. Wir waren in einer kleinen Siedlung östlich von Iopos in einem Gasthaus untergekommen, um uns auszuruhen von einer anstrengenden Reise in die Öde. Wir hatten dort ein Caer gesucht, waren aber mit leeren Händen -wenigstens lebendig- wieder zurückgekehrt.
Unser letztes Silber war für die Ausbesserung unserer Rüstungen in Iopos draufgegangen und dementsprechend getrübt war unsere Stimmung, als wir an jenem unseligen Abend in der Schenke saßen und über die Zukunft nachdachten.
Die Tür öffnete sich und ein alter Ork trat ein, in eine mystische Robe gehüllt und mit einem gruseligen Knochenstab in den Händen. Er kam auf uns zu und setzte sich ungefragt an unseren Tisch. Als könne er unsere Gedanken lesen sagte er, daß er einen Auftrag hätte. Er bot uns 50 Silberstücke, wie hätten wir da nein sagen können. Dann zog er einen Schädel unter seiner Kutte hervor und sagte, wir sollen ihn in ein Tal im Norden bringen, in den Frostspitzen und ihn dort auf einen Baum legen.
Was für ein wunderlicher Auftrag, aber wir dachten uns nichts dabei. Seltsame Leute, diese Geisterbeschwörer, und das war einer, sicherlich. Die Hälfte des Silbers gab er uns im Voraus, und am nächsten Tag brachen wir schon auf. Der Ork hatte uns den Weg genau beschrieben, und auch daß wir das Tal nicht verfehlen könnten, denn an dessen Eingang standen zwei gewaltige Steinstatuen.
Und so war es dann auch. Wir fanden das Tal mit den Statuen am Nachmittag des vierten Tages unserer Reise. Seltsame Statuen waren das, riesig, gut dreißig Ellen hoch. Es waren zwei Krieger aus weißem Stein, bewaffnet mit Schwert uns Schild und mit unterschiedlichen Wappen auf ihren Schildern. Das eine zeigte einen Wolf, das andere eine Spinne. Sie standen da, reglos, den Eingang des schmalen Tales bewachend, das sich hinter ihnen in den Berg schlängelte.
Und zwischen ihnen saß am Boden ein Mann. Ein Mensch, ziemlich abgehärmt und zerlumpt. Er saß reglos da, bis wir näher kamen. Da sprang er plötzlich auf und rannte auf uns zu und in der Hand schwang er ein Schwert. Er griff uns an wie ein Berserker, und in der Tat in seinen Augen glomm ein merkwürdiges Feuer. Uns blieb nichts anderes übrig, als ihn zu töten.
Dann drangen wir in das Tal ein. Es war schmal und schattig, die Felswände rechts und links von uns waren zerklüftet, sahen aus wie zerfressen. Gut vierzig, fünfzig Fuß ragten sie empor und schienen jeden Laut zu schlucken. Der Weg war steinig und außer ein paar spärlichen Büschen war nichts lebendiges zu entdecken. Von einem Baum war weit uns breit nichts zu sehen. Nach gut einer halben Stunde sahen wir die ersten Löcher in den Talwänden. Sie waren nicht groß, kaum einen Mensch hoch. Wir hielten an um zu rasten und nahmen die merkwürdigen Löcher in Augenschein. Sie führten in kleine Höhlen und Felskammern, teilweise von Namensgebern in den Fels gehauen, teilweise natürlichen Ursprungs.
Drinnen war es kalt und dunkel und erst nachdem wir Fackeln geholt hatten, konnten wir sie genauer erforschen. Kaum eine der Kavernen war tiefer als zwanzig Schritt. Auf dem Boden lag Geröll und Staub und immer wieder fanden wir Hügel aus aufgetürmten Steinen. Gräber waren das, Gräber. Wir fanden Schwerter und Helme, die auf den Steinen lagen und Teile von Rüstungen. In manche waren Wappen eingraviert, ein Wolf oder eine Spinne, genau wie bei den Statuen am Eingang des Tales. Es waren etliche dieser Gräber. Dutzende, wenn nicht hunderte. Manche lagen über fünfundzwanzig Fuß hoch in der Felswand.
Was war hier geschehen, das fragten wir uns, und ein ungutes Gefühl machte sich unter uns breit. Wir zogen weiter, uns das Tal wurde allmählich breiter. Immer wieder sahen wir Löcher in den Felsen. Auch auf dem Weg stießen wir nun immer wieder auf Helme und rostige Schwertstümpfe, halb im Schutt vergraben. Schließlich öffnete sich der Felscanyon zu einem weiten Tal. In dessen Mitte entdeckten wir ein großen Baum, eine Eiche. Sie war schwarz wie Teer und hatte keine Blätter, und das mitten im Sommer. Offenbar hatten wir unser Ziel erreicht.
P‘Kauris kletterte auf den Baum und legte den Schädel auf einen breiteren Ast. Dann wollten wie umkehren, doch die Sonne war schon untergegangen und bald würde die Nacht hereinbrechen. Es war uns nicht wohl bei dem Gedanken, an diesem merkwürdigen Ort zu übernachten, aber in der Dunkelheit den schmalen steinigen Pfad durch den Canyon zu stolpern hörte sich auch nicht besser an. Wir hätten auf unsere inneren Stimmen hören sollen. Rakon hatte die erste Nachtwache und er weckte uns plötzlich. Sein Gesicht war angespannt und er war bleich, ungewöhnlich für ihn. Er sagte, er hab ein Geräusch gehört, ein seltsames Heulen. Wer die Vorst kennt, weiß, daß sie einen nicht wegen einer Kleinigkeit wecken. Und so war es auch. Kaum hatten wir uns alle um das fast heruntergebrannte Lagerfeuer versammelt, da sahen wir sie. Sie tauchten plötzlich aus der Dunkelheit auf. Schemen zunächst, wie Nebel. Dann sahen wir sie deutlicher. Sie leuchteten in einem schwachen bläulichen Glimmen. Die Geister der Krieger.
Hunderte waren es, in voller Rüstung, bewaffnet, die Gesichter angespannt und in die Ferne gerichtet. Sie gingen lautlos an uns vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Vashira ging auf einen der Geisterkrieger zu und versuchte ihn anzusprechen, doch er glitt einfach durch sie hindurch. Sie gingen auf die Mitte des Tales zu. Und dann sahen wir plötzlich auf der anderen Seite des Tales weitere Schemen auftauchen. Ebenfalls Krieger. Sie versammelten sich und nahmen gegenüber Stellung auf. Als sich beide Seiten versammelt hatten, geschah für kurze Zeit nichts. Sie standen einfach nur da und starrten ins Leere. Wir konnten erkennen, daß die Krieger auf unserer Seite Spinnenabzeichen trugen, die anderen Wolfswappen.
Dann stürmten die Gegner wie auf ein unsichtbares Zeichen aufeinander zu. Die Schlacht der Geister entbrannte um und herum, und wir standen mitten unter den Geistern, die rechts und links neben uns töteten und getötet wurden. Niemand nahm Notiz von uns. Wir zogen uns zu dem Baum zurück und betrachteten den seltsamen Kampf. Nach zwei Stunden war es vorbei. Kaum einer der Geisterkrieger stand noch.
Da sahen wir plötzlich sechs Krieger auf uns zu kommen. Sie trugen einen der Gefallenen. Er sah nobler aus als die anderen, offenbar war er der Anführer. Er gehörte zu den Spinnenkriegern. Die sechs hoben ein Grab aus, in dem sie ihn niederbetteten. Dann bedeckten sie seinen Körper mit Erde und Steinen, uns als er begraben war, verschwanden sie so urplötzlich, wie sie aufgetaucht waren, und mit ihnen alle anderen Geister. Wir waren wieder allein.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Rückweg. Keiner sprach über die Geschehnisse der vergangenen Nacht. Als wir eine Stunde gewandert und wieder in den Felscanyon mit den Gräbern der Krieger eingedrungen waren geschah es.
P‘Kauris schrie plötzlich auf und starrte Neki mit haßerfüllten Augen an. Sie schrie „Verräterin!“ und rammte ihr ihren Dolch in den Körper. Vashira zog ihr Schwert. In ihren Augen glomm ein seltsames Feuer und sie schwang ihr Schwert gegen Rakon. Gumsi rammte mir seinen Dolch in die Schulter und begann wie von Sinnen auf mich einzustechen.
Wir waren Freunde. Ein jeder hatte dem anderen unzählige Male das Leben gerettet. Und nun bekämpften wir uns bis aufs Blut.
P‘Kauris tötete Neki und Gumsi wurde von Rakons Pfeilen in zwei Hälften geschlagen ehe dessen Kopf von Vashira zertrümmert wurde. Als ich das sah, floh ich. Ich war in Panik. Was war geschehen mit meinen Kameraden? Welch unseelige Macht hatte von ihnen Besitz ergriffen, und warum war ich verschont geblieben? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich lief und lief und lief bis ich nicht mehr konnte. Ich blutete aus zahlreichen Wunden. Schließlich erreichte ich den Ausgang des Tales. Links und rechts neben mir standen die zwei Statuen und blickten mit ihren toten Augen auf mich hinab. Da hörte ich hinter mir ein Geräusch.
Es war Vashira. Ihr Schwer, ihre Rüstung, alles an ihr war mit Blut befleckt. Sie starrte mich an und hob ihr Schwert. Ich rappelte mich auf und rannte los. Ich weiß nicht mehr, wie ich entkommen konnte. Ich weiß nur, daß ich irgendwann in einen Fluß gefallen bin. Die Strömung muß mich fortgetragen haben, fort von diesem verfluchten Ort, fort von den Körpern meiner toten Kameraden.
Die Passionen haben mich am Leben gelassen, um diese Geschichte niederzuschreiben. Ich habe versucht, den Ork zu finden, der uns in dieses Tal des Todes schickte, aber ich habe ihn nicht gefunden. Wer weiß, welchen Fluch wir auf uns gezogen haben an jenem Tag.