Wie eine Spinne das Volk von Qulaqh rettete

In jenen fernen Tagen, bevor die Plage die Herzen der Namensgeber in Finsternis hüllte, lebte ein Volk, das sich die Söhne Qulaqhs nannte.
Es waren Orks, ein Stamm hervorgegangen aus der Vereinigung zweier wilder Orkclans. Sie hatten vor langer Zeit das Nomadenleben aufgegeben und waren seßhaft geworden. Qulaqh, der Stammvater, hatte für sie eine Stadt errichtet auf einer Insel inmitten des Smaragdsees und dort lebten sie nun schon seit vielen Generationen in Frieden und Glück zusammen. Der See war reich an Fischen und das Land um dessen Ufer war fruchtbar. Manchmal war die Ernte so reichlich, daß die Söhne Qulaqhs sie mit seinen Nachbarvölkern teilte.
So verbreitete sich die Kunde von Qulaqhs Wohlstand und lockte viele andere Namensgeber an, die sich auf der Inselstadt ansiedelten und bald war Qulaqh zu einer pulsierenden Handelsstadt geworden.
Nun lebte aber in jenen Tagen ein mächtiger Trollkrieger namens Khanas Donnerfaust und er hatte eine wilde Horde von zweihundert Kämpfern um sich geschart, die ihm blind ergeben waren. Khanas Horde zog durch das Land und wo immer sie war, richtete sie Schrecken und Unheil an. Sie zerstörten Dörfer, schleiften Städte, verbrannten Felder und erschlugen Frauen und Kinder.
Nur wer Khanas Tribut zollte, ihm Gold und Silber darbrachte und alles, was er noch begehrte, konnte seinem Zorn und den wütenden Klingen seiner Horde entgehen. Keine Armee wollte sich Khanas Horde entgegenstellen, denn der furchtlose Troll führte eine Axt von großer magischer Macht.

Es war die Axt der Zerstörung- einst hatte Khanas einen mächtigen Erdelementar im Zweikampf besiegt und ihn gezwungen, seine Axt mit der Macht der Erde zu erfüllen. Wann auch immer er die Axt in seiner mächtigen Hand schwang, da erzitterte der Boden unter den Füßen seiner Feinde und jeder Fels, jeder Stein, jedes Gemäuer zerbarst in tausend Stücke, wenn er die Axt gegen sie führte.
Eines Tages erzählten Khanas Boten ihm von der reichen und schönen Stadt Qulaqh im Smaragdsee, von ihren bauten aus Marmor und dem Gold, das in ihren Schatzkammern verborgen war.
Also befahl der Troll seiner Horde, aufzusatteln und führte sie gen Qulaqh. Auf dem Weg dorthin zerstörten sie jedes Haus und jeden Hof und sie ließen einige wenige am Leben, damit sie nach Qulaqh fliehen und von der Ankunft des schrecklichen Khanas berichten konnten.
Als die Nachricht die Inselstadt erreichte, breitete sich große Panik unter den Bürgern aus, denn sie wußten, daß niemand ihnen zur Hilfe eilen würde und ihre Stadt verloren war. Tatsächlich erreichte kurze Zeit später eine Lanze von Khanas Kriegern die Stadt, die der Troll als Boten vorausgeschickt hatte. Sie forderten vom Rat die bedingungslose Übergabe der Stadt, sonst würde der schreckliche Zorn des Khanas sie alle vernichten. Und damit niemand aus der Stadt fliehen konnte, bewachten die Krieger die einzige Brücke, die von Qulaqh ans Festland führte.
Doch es war ein junger Ork unter den Bürgern Qulaqhs, der sich dem Tyrann nicht ohne Kampf stellen wollte. Sein Name war Dathen und er war ein Meister der Illusion. In dieser Nacht verzauberte der junge Ork einen alten Teppich so, daß er fliegen konnte und im Schutz der Dunkelheit machte sich Dathen auf und suchte das Lager von Khanas Horde, um ihre Pläne zu erkunden.

Die Horde hatte ihr Lager unweit des Smaragdsees aufgeschlagen. Khanas hatte ein Fest zu seinen Ehren veranstalten lassen und der Wein floß in Strömen. Unweit des Lagers landete Dathen und versteckte den Teppich, der ihn durch die Nacht getragen hatte. Versteckt hinter einer magischen Maske schlich er sich an den zahlreichen Wachen vorbei in das Lager. Niemand schenkte dem jungen Ork Beachtung, als er zwischen den Zelten hindurch huschte, denn die Krieger hatte dem Wein zugesprochen und lagen in den Armen von leichten Mädchen.
So gelang es Dathen, sich bis zum Zelt Khanas zu schleichen. Dort legte er sich in den Schatten und beobachtete das Treiben im Lager.
Khanas, der mächtige Troll trank und aß wie ein Tier und er grölte lautstark von seinen Heldentaten. Seine Männer jubelten ihm zu und er schwenkte die Axt der Zerstörung über seinem Kopf und schrie er würde Qulaqh dem Erdboden gleich machen, auch wenn sie ihm alles Gold und all ihren Reichtum geben würden.

Als fast schon der Morgen graute, taumelte Khanas trunken zu seinem Zelt. Vor ihm her stolperte sein schmächtiger Schamane und als sie vor dem Zelt des Trolls stehen blieben, stieß ihn Khanas unwirsch in das Zelt und befahl ihm harsch: „Los, such den Feind, damit ich ruhig schlafen kann.“
Es vergingen einige Minuten da kam der Schamane wieder aus dem Zelt, warf sich vor Khanas auf den Boden und sprach: „Es ist alles nach euren Wünschen, Gebieter. Möget ihr sanft und ungestört ruhen.“ Da verschwand der Troll in seinem Zelt.
Dathen, der die Szene aus seinem Versteckt heraus beobachtet hatte, war neugierig geworden, und er schlich dem Schamanen hinterher in sein Zelt. Dort überwältigte er ihn und fragte, was das eben auf sich hatte. Da stammelte der Schamane: „Jede Nacht, bevor der Herr sich schlafen legt, befiehlt er mir, sein Zelt zu durchsuchen nach Spinnen, die sich dort verkrochen haben, denn das ist das einzige, wovor sich der mächtige Khanas fürchtet.“
Als er das gehört hatte, fesselte und knebelte Dathen den Schamanen und verließ das Lager der Horde, denn er hatte einen Plan gefaßt.

Er kehrte nach Qulaqh zurück und rief die Bürger zusammen. Er bat sie, von ihrem Besitz nur das Nötigste zu nehmen und im Schutz des Morgennebels durch den Smaragdsee zum Ufer zu schwimmen, da sonst alle des Todes seien. Das Volk von Qulaqh zögerte, doch schließlich siegte ihre Furcht vor dem schrecklichen Troll und seiner Horde und sie taten, wie Dathen ihnen gesagt hatte.
Als die Sonne über den Türmen von Qulaqh aufging, kam Khanas mit seiner Horde und sie stürmten auf die Stadt zu mit markerschütterndem Gebrüll und Khanas schwenkte die Axt der Zerstörung über seinem Kopf. Und die Magie der Waffe bewirkte, daß die Wasser des Smaragdsees Wellen schlugen so hoch wie nie zuvor und sie brachen sich mit Macht an den Mauern der Inselstadt. Khanas und seine Horde kam vor den großen, fest verschlossenen Toren Qulaqhs zum stehen. Das lachte der Troll lauthals, denn er wußte, daß kein Tor und keine Mauer ihn aufhalten konnte. Er hob seine Axt und in einem gewaltigen Schlag spaltete er das Tor in zwei Hälften, die krachend zu Boden fielen. Hinter dem Tor aber stand Dathen, mit verschränkten Armen und lächelte. Für einen kurzen Moment war Khanas verdutzt, denn damit hatte er nicht gerechnet. Dann lachte er erneut und donnerte:
„Du kleiner Wicht wagst es sich mir, dem mächtigen Khanas Donerfaust, in den Weg zu stellen und auch noch ganz allein? Na warte, dafür werde ich dich zu Staub zermalmen!“ Und er hob seine Axt hoch in den Himmel und ließ sie auf Dathen niederfahren. Doch der junge Ork hatte dies kommen sehen und ließ genau in diesem Moment die Illusion einer kleinen Spinne auf Khanas Faust erscheinen. Als der mächtige Troll das sah, erschrak er furchtbar und führte seinen Hieb daneben. Die Axt der Zerstörung drang tief in die Mauer der Brücke, die zum Festland führte und ein mächtiges Beben ergriff von ihr Besitz. Die Krieger der Horde spürten mit Schrecken, wie das Mauerwerk plötzlich unter ihren Füßen nachgab und sie stürzten in die tosenden Fluten und einer wie der andere ertrank erbärmlich. Allein Khanas, der vor dem Tor der Stadt gestanden hatte, wurde nicht in die Tiefe gerissen. Er tobte vor Wut und wollte Dathen mit bloßen Händen erwürgen, aber dieser sprang behend auf seinen Teppich und flog davon.

Später erzählte man, daß Khanas in der leeren Inselstadt verhungerte und daß sein Geist dort noch immer sein Unwesen treibe. Deshalb kehrte das Volk von Qulaqh auch nie zurück auf die Insel im Smaragdsee. Sie zerstreuten sich in alle Winde und gründeten viele neue Siedlungen und Clans und lebten fast ebenso glücklich wie in den alten Tagen.
Dathen erlebte noch viele Abenteurer und starb als Held im Kampf gegen einen der ersten Dämonen, die Barsaive heimsuchten. Und zu seinen Ehren trägt der Orkstamm, der sich bis heute Qulaqhs Söhne nennt, eine silberne Spinne als ihr Wappentier.