Macht und Weisheit

Am heutigen Abend trägt uns die Geschichte in das schöne Land Isyt im fernen Osten Barsaives, das vom König Gelhanrich regiert wurde.

Gelhanrich, Träger des Tausendbands und Hüter des Kelchs von Rah, vielen von euch aus zahlreichen Legenden bekannt, herrschte weise und gerecht über sein Land und unter seinem Wort war es zu einem blühenden, wohlhabenden Flecken Erde gewachsen, auf das die Passionen mit Wohlgefallen blickten.
Doch nun war es an der Zeit, da Gelhanrich dem Ende seines erfüllten Lebens entgegen blickte, und obwohl er das Herz von manch einer schönen Dame erobert hatte, war ihm kein Nachkomme geschenkt worden, dem er sein Reich hätte anvertrauen können. Lange Zeit sann er in seinem Gemach nach einer Lösung des Problems, und schließlich fand er eine. Er rief all seine Berater und Ratsherren zu sich und sprach:
„Zieht aus in mein Reich und sucht nach den besten Recken und Kämpen, die jemals Schwert und Schild in den Händen hielten und verkündet, daß an meinem Hofe ein Wettkampf stattfinden soll. Der Sieger des Kampfes soll mein Erbe sein.“
Und so geschah es. Die Berater des Königs zogen aus und verbreiteten die Nachricht und alsbald versammelten sich die besten Recken des Landes vor den Mauern der Burg. Auf ein Wort Gelhanrichs begannen sie, gegeneinander zu fechten. Nun tat sich ein Recke besonders hervor unter den Hunderten, die angereist waren, des Königs Erbe zu erlangen. Sein Name war Murah der Grimmige. Gewaltig war er von Gestalt, ein Hüne von der Statur eines Orks, mit der Kraft eines Trolls und der Verschlagenheit eines Drachen. Überall im Land war er bekannt für seine Unbarmherzigkeit, seinen Jähzorn und seine Herrschsucht.
Gelhanrich sah, daß Murah als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen würde, und ihm grauste vor dem Gedanken, daß sein Reich in den Händen dieses rauhen Mannes enden sollte.
Und wirklich kam es so, daß Murah alle anderen Recken besiegte. Er trat vor den Thron des Königs, um sein Recht einzufordern. Gelhanrich blickte zu seinen Rittern, die Murah geschlagen hatte, und sie senkten ihre Blicke vor Schande. Da blickte Gelhanrich in die versammelte Menge, mit kummervoller Miene schweifte sein Blick über seine treuen Untertanen, die er nun wohl Murah überlassen mußte. Doch einer war unter den Menschen, den der Blick des Königs berührte. Es war ein junger Knabe namens Dakimo, Sohn des Schmieds Dakan. Er trat hervor und sprach:
„Mein König- Murah mag der tapferste und stärkste Recke deines Landes sein, doch sein Herz ist schlecht und er wird dein Reich in den Untergang führen. Darum will ich gegen ihn kämpfen und ihn besiegen, denn die Passionen sind mit denen, die gegen das Unrecht eintreten.“
Als Murah diese Worte hörte lachte erschallend und blickte auf den Knaben, der ihm kaum bis zur Brust ging.
„Du bist kein Gegner für mich, Junge. Komm her, damit ich dich töten , und mir endlich Gelhanrichs Krone holen kann.“
Doch der König gebot Murah Einhalt.
„Warte Murah- Dakimo ist der letze Gegner, der sich dir entgegenstellen wird. Darum soll dieser Kampf im Morgengrauen des nächsten Tages stattfinden. Wenn du siegst, wird dir die Krone gehören.“
Murah war erzürnt, doch konnte er dem König nicht widersprechen und gab nach.
Gelhanrich kehrte in seine Gemächer zurück und war verzweifelt, denn er wußte, daß nur ein Wunder Dakimos Leben würde retten können. Da kam Dakan, Dakimos Vater, zum König.
„Oh mein König“, sprach er „ich bitte dich, gebiete diesem Wahn Einhalt. Murah wird meinen Sohn töten, denn er ist kein Krieger und kaum ein Mann.“
„Ich wünschte, ich könnte, Dakan, aber mein Wort ist Gesetz und ich kann den Wettstreit nicht beenden, denn dann würde ich nicht nur unsere Gesetze verraten, sondern auch noch Murahs schrecklichen Zorn heraufbeschwören, der mein Land in Krieg stürzen würde. Ich bin alt Dakan, und meine Zeit ist bald zu Ende. Ich bin nicht mehr der Krieger von einst- meine Stärke hat mich verlassen.“
„Aber mein König-„ antwortete Dakan, „eure Stärke mag euch verlassen haben, aber ist euer Verstand nicht eben so scharf wie euer Schwert? Vermögt ihr nicht eine List zu ersinnen, die das Unheil von uns wenden kann?“
Da senkte der König seinen Kopf und sann nach einem Plan. Und als er den Kopf wieder hob, da leuchteten seine Augen.
„Wahrlich, Dakan- ich habe einen Plan. Geh und schmiede zwei magische Schwerter und in jedes schmiede einen Namen.“ Und Gelhanrich beugte sich vor und flüsterte Dakan zwei Namen ins Ohr.
Dakan eilte, die zwei Schwerter anzufertigen. Die ganze Nacht lang arbeitete er, und im ersten Licht des Morgens hatte er sie vollendet. Doch sein Lehrling war ihm übel gesonnen und schlich zu Murahs Zelt und flüsterte zu ihm, daß Dakan zwei magische Schwerter geschmiedet habe, von dem nur eines den Kampf gewinnen würde. Und als Gelhanrich Murah und Dakimo zu sich rief, um den Kampf auszufechten, da trat er hervor mit einem wissenden Grinsen auf den Lippen.
„Werter König- ich sehe, daß der Kampf mit gleichen Waffen ausgefochten werden soll. Da ich nun aber gestern auf eure Bitte nachgab, so erbitte ich nun heute von euch eine Gunst- laßt mich als ersten meine Waffe wählen.“
So ließ Gelhanrich die beiden Schwerter bringen und sie vor Murah legen. Die Schwerter waren von schlichter Schönheit, ein jedes ein Meisterstück, scharf und geschmeidig. In beide war ein Name eingeritzt. Das linke hieß „Macht“, das rechte „Weisheit“. Da lachte Murah und sprach:
„Siehe, König, deine List wird dir nicht helfen, nun, da ich die erste Wahl habe. Kein Schwert kann einen Krieger siegreicher machen, als eines, das den Namen „Macht“ trägt.“
Und er nahm das linke. Dakimo griff nach dem rechten und der Kampf begann. Beide umkreisten sich lange, um den anderen einschätzen zu können. Plötzlich stieß Murah zu, mit der Schnelligkeit einer Schlange und der Kraft eines Bären. Doch als sein Schwert auf Dakimos traf, da zerbrach es in tausend Stücke. Da lächelte Dakimo und sprach:
„Du irrst, Murah. Macht und Stärke des Kriegers kommen und gehen, doch allein Weisheit und Verstand sind es, die Bestand haben gegen das Übel dieser Welt.“
Da fluchte Murah, verließ die Stadt und das Land und ward nicht mehr gesehen.
Das Volk und die Ritter des Königs jubelten vor Freude und hoben Dakimo auf ihre Schultern.
Und als Gelhanrich zufrieden starb, krönten sie den Jungen zu ihrem König, und er wurde ein guter, weise und gerecht.
Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.