Kayna's Schal

Art: Illusionismus

Die Erschafferin des Schals war Kayna, die Illusionistin. Sie lebte lange vor der Plage und ihre Geschichte spielte im äußersten Westen Barsaives, dort, wo sich heute der Landstrich erstreckt, den man die Öde nennt.
In jenen Tagen gab es dort viele prachtvolle Städte und wohlhabende Reiche, die miteinander konkurrierten. Kayna war die Tochter eines Fürsten und genoß daß leichte, unbeschwerte Leben im Haus ihres Vaters. Sie wob Illusionen, um die Menschen zu unterhalten und froh zu stimmen, und erwarb sich großes Ansehen bei ihrem Volk.
Wie alle Frauen liebte sie feine Kleider und Tücher, und ein Stück war ihr besonders ans Herz gewachsen: ein filigraner Seidenschal, den sie von ihrer verstorbenen Mutter geschenkt bekommen hatte. Sie trug ihn immer und überall und irgendwann begann sie, ihre Zauber in verschlungenen Zeichen auf den Schal zu sticken.
Eines Tages brach Krieg über den friedlichen Landstrich herein; ein räuberischer Fürst namens Ra'an zog mit seinen Heerscharen durch das Land und eine Spur von Tod und Verwüstung markierte seinen Weg. Kaynas Vater stellte ein Heer auf und eine lange Zeit des Kampfes begann.
Jahr um Jahr brandeten Ra'ans Truppen gegen die Reihen der Verteidiger, und mit jedem Angriff schwand ihre Zahl, obwohl sie mit dem Mut der Verzweiflung fochten. In jenen dunklen Tagen verliebte sich Kayna in einen jungen Krieger namens Rhenfara, der sich schon oft in der Schlacht bewiesen hatte. Immer wieder sprach er zu den Männern, um sie zu ermutigen und die Hoffnung auf einen Sieg gegen die wachsenden Streitmächte Ra'ans nicht zu verlieren.
Obwohl sie den Krieg und die Schrecken der Schlachtfelder kaum ertragen konnte, wich Kayna schließlich nicht mehr von der Seite Rhenfaras. Sie nutze ihre Magie, um den Feind zu verwirren und die eigenen Soldaten froh zu stimmen, wenn sie sich Abends um die Lagerfeuer sammelten.
Eines Tages berichtete ein Späher Rhenfara, daß das feindliche Heer auf dem Weg durch einen unübersichtlichen Talkessel sei und Rhenfara, dem die Gegend vertraut war, sah darin eine günstige Gelegenheit, den Feind in einen Hinterhalt zu locken. Mit seinen besten Kriegern machte er sich auf den Weg zu dem Tal. Doch die Information war eine Falle, und als Rhenfara zur Festung zurückkehrte, fand er sie gefallen und niedergebrannt.
In den Trümmern lag seine geliebte Kayna- erschlagen.
Rhenfara nahm ihren Schal an sich und schwor bei ihrem Leichnam, ihren Tod zu rächen und Ra'ans Truppen für immer zu vernichten. Er band den Schal an seine Lanze und führte ihn fortan wie ein Banner in jeden Kampf. Jahr um Jahr tobte der Krieg weiter, und das Blut vieler Gefallenen ertränkte den Boden des Landes. Rhenfaras Banner wurde zu einem Symbol des Widerstands gegen die Eroberer.
Doch eines Tages gewannen Ra'ans Truppen in einer entscheidenden Schlacht die Oberhand und in einer letzten großen Schlacht wurde auch der letzte Verteidiger niedergemacht. Rhenfara wurde in Ketten vor Ra'an geschleift und von seinen Lakaien ermordet. Noch während sein Blut aus seinen unzähligen Wunden rann, ließ der neue Herrscher das Banner in seinen Thronsaal bringen und dort als höhnisches Symbol seines Sieges aufstellen.
Jahre vergingen und Ra'an errichtete eine Herrschaft des Schreckens und der Unterdrückung. Mit der Zeit wurde die Legende von Kayna und Rhenfara wurde vergessen und niemand kannte mehr die wahre Bedeutung des Banners. Dennoch gefiel es Ra'an, das Banner auf seinen Heerzügen gegen andere Reiche mitzuführen, und weil er immer siegreich war, rankte sich bald eine Legende darum: jede Armee, die das Banner mit sich trug, sei unbesiegbar. Nach Jahrzehnten schließlich starb Ra'an als bitterer alter Mann und sein Sohn Raifas bestieg den Thron. Doch sein Vater hatte das Land durch seine vielen Heerzüge in die Armut getrieben und ausbluten lassen. Raifas wollte sich damit nicht zufrieden geben und bürdete den Menschen noch mehr auf, als sie ohnehin schon ertragen mußten. Irgendwann formte sich Widerstand unter den Bewohnern des Landes, denn sie waren kaum noch mehr als Sklaven, die hungerten und an Krankheiten dahinsiechten.
Eine kleine Gruppe von Rebellen begann, sich den Soldaten Raifas gegenüberzustellen und Sabotage zu verrichten, wo immer es ihnen möglich war. Mit der Zeit scharten sie immer mehr Anhänger um sich und im Geheimen bauten sie einen kleinen, aber schlagkräftigen Kampfverband auf.
Eines Nachts gelang es einer Handvoll von ihnen in die Festung des Königs einzudringen, und das Banner aus dem Thronsaal zu stehlen. Von diesem Tag an, wendete sich das Los der Unterdrückten. Die Angriffe der Rebellen auf die Truppen des Königs waren von Erfolg gekrönt und schließlich, nach langer Zeit des Kampfes und der Entbehrung, gelang es ihnen, Raifas Festung zu stürmen und den verhaßten König zu stürzen. Die Rebellen waren sicher, allein die Macht des Banners habe den Sieg ermöglicht und als Dank wurde um es herum ein Tempel errichtet und den Passionen geweiht. Einige Jahre später saß plötzlich eine alte Frau vor dem Tempel und scharte eine kleine Menschenmenge um sich. Sie erzählte mit bedächtiger Stimme die vergessene Legende von Kayna und Rhenfara und dem Banner, das einst ein einfacher Schal gewesen war und ungewollt über so vielen Schlachtfelder wehen mußte. Die Zuhörer lauschen gespannt, und als sie geendet hatte, erhob sich die alte Frau und ging in den Tempel. Sie nahm den Schal von der Standarte, lächelte und verließ ungehindert die Stadt. Sie wurde niemals mehr gesehen.

Niemand weiß, wo der Schal die Plage überdauerte, doch es gilt als fast sicher, daß er nach Öffnung der Caers in Travar auftauchte, wo ihn angeblich eine junge Edelfrau als Schmuckstück trug. Unglücklicherweise ist weder sicher, ob es sich bei dem Kleidungsstück wirklich um Kaynas Schal handelte, noch, wo er sich jetzt befindet, denn die junge Dame wurde wenige Tage nach ihrer Ankunft in Travar erwürgt in ihrem Zimmer aufgefunden. Der einzige Hinweis auf den Täter, das abgebrochene Stück einer Schmucknadel, weist in Richtung Iopos. Allerdings scheinen sich dort alle Spuren zu verlieren, und wer hätte schon den Mut, unter den Augen der Denairastas Ermittlungen anzustellen...?

Das Grimoire enthält folgende Sprüche: