Die Harfe ohne Saiten

Einst lebten in Barsaive zwei Barden von außerordentlichem Geschick. Der eine war Se’Sethien, ein Prinz von hoher Geburt, dessen Stimme so rein war und klar, daß selbst Astendars Vögel in ihrem Lied innehielten um ihm zu lauschen. Der andere war Peredon, Sohn des Bauern Frig aus Galton; wie kein anderer konnte er die Harfe spielen.
Beider Ruhm und Ruf war groß. Se’Sethien aber wollte wissen, wer von ihnen beiden der bessere sei, also schlug er Peredon einen Wettstreit vor. Sie zogen aus, um vor den größten und berühmtesten im Land zu spielen, doch keiner von ihnen, kein Graf, kein Priester, kein König, konnte entscheiden, wer der Barden der bessere sei.
Also reisten sie zu einem entlegenen Tempel Mynbrujes, das Orakel des Westens genannt, um die Hilfe der Passionen zu erbitten. Dort lebte die ehrwürdige Priesterin Istunjâris, die von der schwarzen Milch der Erde trank, um ihnen weiszusagen. Sie sprach von der Dame Zahyddja, die hoch im Norden lebte, in einem Schloss aus Eiskristall, gelegen im Säuresee. Zahyddja sei grausam, kalt und mit einem Herz aus Stein, das ihr ein Dämon eingesetzt habe. Wem von den beiden es gelänge, sie mit einem Lied zum Weinen zu bringen, der sei der größte Barde des Landes.
Also machten sich die beiden auf, das Schloß im Säuresee zu finden. Nach langer, gefahrvoller Reise fanden sie die Burg, in der Zahyddja lebte. Jede Nacht ritt sie aus und brachte mit ihren sieben schwarzen Rittern Unheil über das Land. Am Tag schlief sie. Nur zum Morgengrauen und Abendrot trat sie auf ihren Balkon hinaus und seufzte der Sonne entgegen.
Die beiden Barden schlugen ihr Lager auf vor der Burg und jeden Abend sangen sie zu der schaudrigen Dame.
Und die Jahre gingen ein und aus, ohne daß einer der beiden das Herz Zahyddjas rühren konnte.
Se’Sethien in seinem seidenen Zelt schrieb Lieder, die die Taten der Kämpin anpriesen, ihren Mut, ihre Stärke und Unnahbarkeit. Doch Peredon fragte sie eines Morgens, warum sie jeden Morgen und Abend zur Sonne seufze. Sie erzählte, daß ihr Liebster einst im Licht der Morgensonne auszog, um den Dämon Rhyis zu töten, und im Licht der Abendsonne sei der Dämon vor ihrem Schloß erschienen, den Kopf des Liebsten in seiner Hand. Er lachte und weidete sich an Zahyddjas Schmerz. Dann raubte er den Namen ihres Liebsten aus ihrem Gedächtnis, so daß ihr Herz zu Stein wurde. Von diesem Tag an konnte Zahyddja weder Liebe noch Mitleid noch sonst ein Gefühl mehr für die Namensgeber empfinden und zog mit den Ungeheuern des Dämos Rhyis durchs Land um Schrecken und Tod zu verbreiten. Nachdem Peredon diese Geschichte vernommen hatte, zog er sich auf einen nahen Berg zurück und dachte bei sich:
„Allein die Sonne hoch am Himmel ist Zeuge gewesen dieser schrecklichen Tat, die der Dame Zahyddja jedes Gefühl geraubt. So kann nur sie allein den Namen ihres Liebsten wissen, der Schlüssel zu ihrem steinernen Herz. Also werde ich hinausziehen in die Welt, um sie Sonne zu finden, wenn sie sich jeden Abend zur Ruhe legt um ihr dieses Geheimnis zu entlocken.“
So stieg Peredon wieder hinab ins Tal um Se’Sethien zu sprechen, der in seinem seidenen Zelt saß um ein neues Lied für Zahyddja zu dichten.
„Höre, Se’Sethien. Drei Jahre und drei Tage sind ins Land gegangen, seit wir am Ufer des Säuresees unser Lager aufgeschlagen haben. Abend für Abend haben wir unsere Lieder gesungen, ohne das Herz Zahyddjas zu erweichen. Ich mache dir folgenden Vorschlag: nach Ablauf eines Jahres und eines Tages werden wir uns wieder hier treffen, um unseren Wettstreit zu beenden. Wer dann ein Lied gefunden hat, das die Dame erlösen mag, der sei der Sieger, wie es prophezeit wurde.“
Se’Sethien war einverstanden, doch als er hörte, daß Peredin die Sonne suchen wollte, um sie um Rat zu bitten, da lachte er nur und nannte ihn einen Narren.
So zog Peredin von dannen und machte sich auf seine Suche. Er durchquerte Barsaive einmal längs und einmal quer und kam schließlich an das Ende der Welt, wo die Sterne an die höchsten Gipfel stoßen und die Sonne sich zur Ruhe bettet.
Peredin bat die Sonne um Hilfe und erhielt sie, aber das ist eine andere Geschichte.
Doch für ihre Hilfe mußte er ihr das geben, was ihm am teuersten war, und das war seine treue Harfe, die er einst von der Herrin der Sieben Winde im Tempel des Ûhn bekommen hatte. Schließlich, nach einem Jahr, machte er sich wieder auf den Weg zu Zahyddjas Schloß im Säuresee.
Se’Sethien aber hatte in diesem Jahr so manchen Vers geschrieben, so manches Lied gedichtet und Worte gefunden, die einer Königin wert gewesen wären. Doch so sehr er sich auch anstrengte, so sehr wußte er auch, daß keines seiner Lieder je das Herz der Dame Zahyddja würde erweichen können. Und der Tag der Entscheidung rückte näher und näher.
Am Abend des letzten Tages packte Se’Sethien große Verzweiflung, denn er wußte, daß er niemals siegreich aus dem Streit hervorgehen könne. Er warf sich vor seinem seidenen Zelt auf den Boden und klagte zum Himmel um die Hilfe der Passionen. Doch nicht sie waren es, die sein Zetern hörten, sondern der Dämon Rhyis. Also erschien er Se’Sethien und sprach:
„Klage nicht, Se’Sethien, und weine nicht nach deinen Göttern, denn sie werden dich nicht hören. Aber ICH höre dich, und ICH werde dir helfen. Dein Feind Peredin ist schon auf dem Weg hierher, und er kennt den Schlüssel zum Herzen der Dame. Aber er hat keine Harfe, mit dem er sie betören kann, darum wirst du den Wettstreit gewinnen. Allein der Name ihres Liebsten wird ihr die Träne entlocken, die dich zum König der Barden macht. Also werde ich dir den Namen sagen, aber nur, wenn deine Seele mein ist.“
Se’Sethien hörte das Flüstern des Bösen und sein Herz war so voller Gier und Verlangen, daß er einwilligte. Also verriet ihm der Dämon den Namen.
Am Abend des nächsten Tages traf Peredon vor dem Schloß ein, müde und ausgemergelt von den Strapazen seiner Reise. Und als Se’Sethien ihn erblickte und sah, daß er wahrhaftig keine Harfe mehr besaß, da lachte er grimmig und war sich seines Sieges sicher. Also rief er die Dame Zahyddja, die alsbald auf den Balkon trat um der untergehenden Sonne ihr Leid zu klagen. Se’Sethien nahm seine Harfe und sprach:
„Edle Herrin, klagt nicht, denn euer Leiden wird bald zu Ende sein. Hört nun mein Lied, daß euch befreien wird.“
Und er griff in die Saiten seiner Harfe, um Zahyddja den Namen ihres Liebsten zu singen. Doch als seine Finger die Saiten berührten, da zerrissen sie, denn keiner, dessen Seele den Dämonen gehört, kann eine Harfe täuschen. Se’Sethien aber warf sich zu Boden und heulte und klagte und beweinte sein Unheil, den erst jetzt wußte er, daß er verloren war.
Peredons Herz aber war voller Gram, denn da nun kein Lied für die Dame mehr erklingen konnte, würde sie niemals erlöst werden. Da nahm Zahyddja die Harfe ohne Saiten und gab sie Peredon.
„Nur wer vermag, auf der Harfe ohne Saiten ein Lied erklingen zu lassen, ist der größte Barde im Land.“
Also nahm Peredon die Harfe und flüsterte den Namen ihres Geliebten, Uthay. Und die Magie des Wortes formte Saiten , die das schönste Lied spielten, welches je auf Erden erklang, und das steinerne Herz der Dame zerbrach und sie weinte vor Freude, als der Fluch endlich gebrochen war.
Se’sethien aber, der vom Dämon berührt war, konnte die Schönheit des Liedes nicht ertragen und tötete sich selbst.
Peredon und Zahyddja wurden Gefährten und erlebten noch viele Abenteuer. Und bis heute sagt man, wenn etwas scheinbar Unmögliches wahr wird: “Es ist, als hätt ich auf der Harfe ohne Saiten gespielt.“