Die Gläsernen

- Diese Geschichte schnappte ich am Lagerfeuer eines Orkclans
nahe Jerris auf, der sich Choraks Lanzen nennt. - Jippathee, Windlingstroubadour

Zu Beginn der Plage, als die großen Reiche Barsaives damit begannen Caers zum Schutz gegen die in immer größeren Zahlen auftretenden Dämonen zu errichten, lagen zwei Orkclans der großen Ebenen in Fehde miteinander. Es waren die Bronzeklauen und der Blutwind-Clan; die Streitigkeiten und Kämpfe zogen sich nunmehr über vier Generationen hin, und niemand wußte mehr, warum der Krieg entbrannt war. Aber Haß und der Wunsch nach Rache und Blutzoll waren zu groß, als daß sich die beiden Seiten auf ein Ende des gegenseitigen Abschlachtens einigten. Beide Völker waren zu sehr mit der gegenseitigen Ausrottung beschäftigt, als daß sie sich um den Bau eines Caers kümmern konnten.
Nun gab es aber eine Orkin, die des Kämpfens müde war, und die die drohenden Schatten der Plage immer näher und näher rücken sah. Es war Takirah, die Schamanin des Stammes. Wieder und wieder versuchte sie, den Anführer der Bronzeklauen davon zu überzeugen, die Waffen endlich niederzulegen, doch sie wurde nur ausgelacht und man jagte sie aus dem Lager. Sie wanderte durch die Ebene und das Schicksal führte sie zu der Höhle von Pagur, dem Schamanen des Blutwind-Clans. Pagur war wie Takirah alt, und als er sie langsam auf seine Höhle zukommen sah, unternahm er nichts, um sie zu töten, wie es die Krieger seines Stammes getan hätten. Takirah setzte sich an Pagurs Feuer und erzählte, was ihr widerfahren war, und daß die Fehde ein Ende finden müsse, bevor sich die Clans gegenseitig vernichteten. Pagur nickte, als er die Worte der Orkin hörte. Auch er hatte bedrohlichen Zeichen nahender Dämonen erkannt. Die beiden Alten waren sich einig, daß die Clans nur zusammen überleben konnten, aber sie wußten, daß keiner der Anführer einem Frieden zustimmen würde. Nun hatte aber der Anführer der Bronzeklauen eine Tochter namens Lasslê und der Anführer des Blutwind Clans einen Sohn namens Uchun. Beide waren über alle maßen geachtet und beliebt unter ihren Clansleuten, denn beide waren mutig und klug. Takirah und Pagur kamen überein, daß die Clans nur zusammenkommen würden, wenn Lasslê und Uchun sich verbänden. Also heckten sie einen Plan aus und machten sich sogleich an dessen Durchführung. Takirah schlich zurück in das Lager ihres Clans, in das Zelt Lasslês, und schnitt dort ein Stück ihres roten Umhangs ab. Dann kehrte sie zurück zu Pagurs Höhle und begann einen magischen Trank zu brauen. Pagur ging inzwischen in das Lager seines Clans und schnitt ein Stück aus Uchuns Umhang und brachte ihn zu Takirah. Einen Tag und eine Nacht brauten die beiden alten Schamanen an einem Trank. Sie riefen die Passionen und die Geister der Ahnen um ihre Hilfe und im Morgengrauen des zweiten Tages war das Werk vollbracht. Sie hatten einen Trunk geschaffen, der die Herzen der beiden jungen Orks in Liebe und Verlangen nacheinander entbrennen lassen würde. Takirah nahm die Tuchstücke und tränke sie mit der Tinktur. Dann gab sie Pagur das Stück von Lesslês Umhang, damit er es zu Uchun bringe und nahm selbst das andere Stück an sich. Die beiden Schamanen kehrten in ihre Lager zurück. Takirah band das Stück von Uchuns Mantel an Lesslês Schwert, und des gleichen verfuhr Pagur, der Lesslês Stoff um Uchuns Speer schnürte.
Am nächsten Tag ritten Uchun und Lesslê allein aus, und die Magie der Stoffbänder bewirkte, daß sie in der Weite der Steppe aufeinander trafen. Beide sprangen von ihren Pferden und zogen ihre Waffen, um den Gegner niederzustrecken, und ein wilder Kampf entbrannte. Doch als Uchuns Speer Lesslês Haut zerschnitt und Lesslês Uchun mit ihrem Schwert verwundete, da tat die Magie ihre Wirkung und sie entbrannten in Liebe zueinander. Gemeinsam kehrten sie in die Lager ihrer Väter zurück und verkündeten, daß beide Clans fortan in Frieden nebeneinander leben sollten. Da endlich sahen die Clanführer ein, daß die Fehde beendet werden müsse und willigten der Verbindung ein.
Takirah und Pagur waren froh, daß ihre List erfolgreich war und zufrieden machten sie sich an die Vorbereitung der Heirat.
Doch niemand wußte, daß das Geschehen von ferne beobachtet worden war, aus den Schatten und der Finsternis heraus. Gihul, das Gesicht der Fäulnis, war es, und was er sah, mißfiel ihm. Denn er war es gewesen, der vor vier Generationen den Streit zwischen den Clans entfacht hatte, um sich daran zu erfreuen, wie sich die Orks gegenseitig zerfleischten. Nun aber sah der Dämon seinen Plan, der schon kurz vor der Vollendung gestanden hatte, gescheitert und sein Zorn war groß. In der Nacht vor der Hochzeit schlich er unerkannt durch das Lager der Orks zu Lesslês Zelt und dann zu Uchuns. Beiden erschien er im Traum und wob einen Vorwand in ihren Geist, der sie dazu brachte, aufzustehen und in die Höhle des Dämons zu gehen. Takirah, die vor Lesslês Zelt geschlafen hatte, erwachte mitten in der nacht und eine ungute Vorahnung ergriff von ihr Besitz. Sie eilte in Lesslês Zelt und fand ihr Lager leer vor, und auch Uchuns war verschwunden. Sie weckte Pagur und die beiden folgten den Spuren, die Lesslê und Uchun im Sand hinterlassen hatten. Schließlich fanden sie die Höhle des Dämons und auch die beiden Vermißten. Sie standen in der Mitte der Höhle, reglos, mit ausgestreckten Armen nebeneinander, in einer verzweifelten Pose erstarrt, denn der furchtbare Dämon Gihul hatte die beiden in Statuen aus Glas verwandelt. Entsetzt standen die beiden Schamanen vor den Statuen, als sie hinter sich ein leises Kichern hörten. Dort war Gihul, der sich an ihrem Schrecken weidete. Und dann bestrafte er sie dafür, daß sie versucht hatten, seine Pläne zu vereiteln. Er riß ihre Zungen aus den Kehlen und schnitt ihre Hände ab und dann jagte er sie zurück zum Lager der Orks. Dort hatte man inzwischen das Verschwinden des Brautpaares bemerkt und alle waren in Aufruhr. Als nun die beiden Schamanen blutüberströmt und verstümmelt ins Lager taumelten, unfähig von den Geschehnissen zu berichten, entbrannte wieder der alte Zorn und jeder Clan machte den anderen für das Verschwinden Lesslês und Uchuns verantwortlich. Da zogen die Clankrieger ihre Waffen und sie bekämpften sich bis auch der letzte Ork tot zu Boden sank.

- Man sagt, daß allein Takirah und Pagur diese letzte Schlacht überlebten, weil es dem Dämon Gihul gefiel, sie am Leben zu lassen um sie für immer zu versklaven. Die Statuen Lesslês und Uchuns stehen noch immer in jener Höhle; die Legende sagt, es sei nur ein fingerbreit zwischen ihren gläsernen Händen, und daß ihre rastlosen Seelen sich danach sehen, den anderen zu berühren.
Wer weiß, vielleicht wird eines Tages jemand kommen, und sie alle von dem Fluch des Dämons befreien. -