Das Ende der Fünf vom Stein

Die Fragmente dieses Tagebuchs erreichten die Bibliothek durch die Hand des Obsidianers Belethenomane der jedoch, aus welchem Grund auch immer, keine weiteren Angaben zu deren Fundort machen konnte oder wollte. Jeder, der das Gemüt der Steinmenschen kennt, weiß, daß es geradezu unmöglich ist, ihnen gegen ihren Willen eine Information abzuluchsen, so bleibt die Herkunft des Tagebuches ein Rätsel.

- Nividia, Scholarin der Großen Bibliohtek -

Tag 1
Der Oberste Rat von Iome hat eine Belohnung von 10 Goldmünzen ausgesetzt für denjenigen, der ihnen den Kopf des Flugwurmes bringt, der dieses schöne Städtchen fast völlig in Schutt und Asche gelegt hat. Genjad hat uns überredet, uns dieser Sache anzunehmen, auch wenn ich persönlich ein ungutes Gefühl dabei habe, immerhin geht es um einen wenn auch kleineren- Drachen, aber Drache bleibt Drache. Es wäre mir weitaus lieber, noch einige Nächte in diesem schnuckligen kleinen Gasthaus, der Roten Sonne, zu verweilen, aber unglücklicherweise steht es ja nicht mehr. Doch die Holde Jasperla ist es durchaus wert, daß man den Verlust ihres Etablissements rächt...

Tag 3
Zwei Tage sind wir nun schon durch die Wälder im Osten Iomes gewandert, und allmählich erreichen wir die ersten Ausläufer der Nebelberge. Das Gelände ist schwierig, da zerklüftet und mit tiefen Schluchten durchzogen. Die Wälder sind dicht und es kostet Kraft, sich einen Weg durch das Unterholz zu schlagen. Allein Canegh, unserem Elementaristen, scheint diese Tortur nichts auszumachen, im Gegenteil, er macht einen ausgesprochen fröhlichen Eindruck und pfeift ständig schräge Lieder aus seiner Heimat. Er sagt, die Natur sei hier so unberührt wie an kaum einem anderen Ort unserer bisherigen Reisen. Wenn er meint- ich weiß nur, daß meine Füße schmerzen...

Tag 4
Im Morgenrot haben wir einen großen Schatten am Himmel beobachtet, der dicht über den Baumgipfeln dahinglitt. Teres ist sicher, daß es sich um den Flugwurm handelt. Wieder muß ich meine Bewunderung für den scharfen Blick meines Kameraden eingestehen; ich konnte gerade mal erkennen, daß das Wesen zwei Flügel hatte. Genjad spornt uns zur Eile an und meine kämpferischen Kameraden scheinen von unstillbarem Tatendrang erfüllt zu sein- vielleicht ist es auch nur der Ruf des schnellen Goldes. Wie dem auch sei- ich bin immer noch nicht scharf darauf, dem Biest unter die Augen zu treten.

Tag 6
Wahrlich! Gelobt seien die Passionen, daß ich diese Zeilen schreiben kann. Wir sind auf den Wurm gestoßen, besser gesagt, er auf uns. Es war am späten Nachmittag, wir hatten gerade eine kleine Pause gemacht und waren im Begriff weiterzuziehen, als uns plötzlich ein Schrei von Fill herumfahren ließ. Der Windling flatterte in Panik und deutete auf den Waldrand, über dem plötzlich die riesige Gestalt des Flugwurms erschien. Die Bestie attackierte uns ohne Umschweife. Wir nahmen unsere schon vielbewährte Kampfstellung ein und machten uns daran, der Kreatur mit Stahl und Magie einzuheizen. Zunächst schien das Glück auf unserer Seite- Teres Pfeile durchbohrten die Flanke des Wurms mehrfach, und Canegh rief Blitze vom Himmel, die ihn in blaues Feuer hüllten. Es stürzte zur Erde, um dort von Genjad und Mareghs Schwertern empfangen zu werden. Doch die Kraft seiner Pranken und seines scharfzahnigen Rachens war unbändig. Der gute Teres, mein treuer Freund, fiel als Erster, von einem mächtigen Hieb getroffen und zerschmettert.
Die Passionen mögen seinem Geist Ruhe schenken... Fill wurde von einer Schwinge getroffen und fiel wie ein Stein zu Boden. Er ist in eine tiefe Bewußtlosigkeit gefallen, niemand weiß, ob er die Nacht überleben wird. Maregh verlor seinen Schildarm als die mächtigen Kiefer der Bestie nach ihm schnappten. Es gleicht einem Wunder, daß es uns dennoch gelang, den Flugwurm zu besiegen, doch zu welchem Preis... Keiner von uns ist unverwundet geblieben, und tiefe Narben werden noch lange von diesem Kampf berichten.

Wir haben Teres beigesetzt; es schmerzt sehr, mein treuer Freund- kein Gold der Welt kann diesen Verlust aufwiegen.

Tag 7
Fill ist in der Nacht gestorben. Wir haben auch ihn beerdigt und beschlossen, nach Iome zurückzukehren.

Tag 9
Etwas Unheimliches geschieht. Wir sind in eine Wald geraten, der scheinbar verzaubert ist oder gar verflucht, ich weiß es nicht. Canegh ist schon den ganzen Morgen unruhig und nervös, er sagt, die Geister der Natur seinen verstummt. Ich weiß nicht, was das heißen soll, aber der Ausdruck in seinem Gesicht beunruhigt mich. Genjad scheint es genauso zu gehen, denn er trägt sein Schwert nur noch offen in der Hand und geht dicht neben Maregh. Wie sind wir nur hierher geraten? Ich war mir sicher, den gleichen Weg eingeschlagen zu haben, den wir auch gekommen sind.

Wir irren nun schon seit mehreren Stunden umher. Das Unterholz wird immer dichter. Um uns ist es totenstill. Kein Vogel singt, kein Lufthauch bewegt die Blätter. Canegh versucht immer wieder, seinen Geist mit der Umwelt verschmelzen zu lassen, doch es gelingt nicht. Maregh geht es sehr schlecht. Scheinbar hat sich seine schwere Wunde zu allem Unglück auch noch entzündet. Er braucht dringend eine Pause.

Die nächsten Zeilen waren nur mit Mühe zu entziffern, da das Pergament mit einer Kruste aus Schlamm und Blut (?) überzogen war.

Alle sind tot... wir wurden angegriffen von Bäumen.. sie sind plötzlich lebendig geworden...Canegh starb zuerst.. Er schrie und stammelte von Geistern in den Bäumen, Namensgeber verschmolzen mit....verflucht...

Hier endet der Bericht. Wie bereits erwähnt ist nicht bekannt, woher diese Zeilen stammen, Nachforschungen ergaben jedoch, daß es sich bei dieser Abenteurergruppe um Die Fünf vom Stein gehandelt haben muß. Sie zogen in den Jahren kurz nach Ende der Plage durch Barsaive und hatten gewissen Ruhm angesammelt. Ihr Schicksal war Jahrzehnte lang ungeklärt, bis jetzt. Zu den Vorfällen in jenem Wald hatte ich das seltene Glück einen weiteren Hinweis erhalten zu können. Ein Windling namens Kiskadee, Questor Jasprees, erwähnte eine alte Legende seines Volkes, in der von einem Stamm berichtet wird, der zu Beginn der Plage in eben jener Gegend lebte. Er berichtete, da_ dieser Stamm keine Möglichkeit hatte, ein Caer zu errichten, also unternahmen sie Unglaubliches, um den Dämonen zu entfliehen. Sie trennten ihren Geist von ihren Körpern und banden sich in die Bäume ihres Dorfes, um sich so vor den Schrecken der Plage zu verstecken. Die Legende klingt unfaßbar, aber dieser Bericht rückt sie in ein neues, erschreckendes Licht. Falls die Vorkommnisse in den Nebelbergen wirklich mit jenem Windlingsstamm in Verbindung gebracht werden können, scheint es sehr wahrscheinlich, daß dort etwas unnatürliches, wenn nicht gar Dämonisches vorgeht....

- Nividia, Scholarin der Großen Bibliohtek -