Wie Centorras Helden den Tod fanden

"Diese Geschichte erreichte uns durch die Hände der Abenteurer vom Kreis der Gleichen, die sie von Ikain dem Dieb erzählt bekamen, während ihrer Suche nach einem mächtigen Dämon, der ihnen als Verderber der Luftschiffe bekannt wurde."

-Nividia, Scholarin der Großen Bibliothek -

Es fällt so schwer, an diesen Tag, in diese dunkle Stunde zurückzukehren. Ich hoffte, vergessen zu können, endlich Ruhe zu finden. Aber es scheint, als hätten mich die Geister meiner Kameraden gefunden.
Meine Kameraden- Ich habe sie zurückgelassen.
Wir waren zu sechst- ich, Unthâlis, der Obsidianer; Sispherath, der Elf; Nusul, die Trollin; Ren'thor, der Ork und ich. Und natürlich unsere Anführerin, Centorra. Es war in der Zeit kurz nach Öffnung Throals. Wir kannten uns schon von Jugend an und hatten schon einiges miteinander erlebt. Als wir die neue alte Welt sahen, waren wir voller Tatendrang. Wir gehörten zu den ersten, die aufbrachen, ein neues Glück zu finden. Einige Zeit sammelten wir Erfahrung- wir entdeckten uralte Caers und verborgene Schätze, stießen auf seltsame Wesen und Kreaturen, die wir in heroischen Kämpfen niederrangen.
Eines Tages erreichten wir die Stadt Travar und genossen für eine Zeit ihre Wunder und Annehmlichkeiten. Dann machte ein Gerücht die Runde- die "Earthdawn" war gesichtet worden Vaares legendäres Schiff, das schon so lang verschollen war. Ganz in der Nähe der Brachen, nur wenige Tagesreisen von Travar entfernt. Das Gerücht stachelte Dutzende von Abenteuergruppen an- auch uns. In unserem jugendlichen Unverstand stürzten wir uns darauf wie ausgehungerte Wölfe. Sofort bereiteten wir alles für die Abreise vor- wir mußten uns nicht sehr beeilen, denn im Gegensatz zu all den anderen Abenteurern hatten wir einen unschätzbaren Vorteil.
Centorra stammte aus einer wohlhabenden Familie- sie besaß einen kleinen, stabilen Luftsegler. Einen Tag später machten wir uns auf den Weg Richtung Westen. Unserem Untergang entgegen.
Wir wußten wohl, daß wir uns in die Nähe der Brachen begeben würden. Aber der Preis war verlockend genug, um alle Warnungen unserer Freunde in den Wind zu schlagen. Wir hatten nicht wirklich vor, in die Brachen zu reisen. Damals wäre das Wahnsinn gewesen. Wir waren noch halbe Kinder- kaum Erfahrung, etwas geübt mit der Klinge, aber eigentlich nicht das, was man sich landläufig unter einem "Helden" vorstellen würde. Wir waren Narren.
Drei Tage segelten wir den Rand der Brachen ab. Mit den Augen eines Luchses suchte Sisperath, der Schütze den Horizont ab, nach irgendeinem Zeichen der Earthdawn. Es war Abend, als der Sturm über uns brach. Ich erinnere mich noch so genau- es war ein wunderschöner Sonnenuntergang gewesen, das Ende eines warmen Sommertages, den wir so sehr genossen hatten. Der Sturm kam aus dem Nichts. Es wurde mit einem Mal stockdunkel um uns herum. Aus der Tiefe der Schwärze erklang ein Keuchen, ein Heulen und Winseln, wie wir es noch nie zuvor gehört hatten. Es schnürte unsere Kehlen ein und ließ uns nach Luft schnappen. Dann zerrissen gleißende Blitze das Dunkel. Blaues Feuer zuckte über die Planken unseres Schiffes, riß Sispherath und Unthâlis von den Beinen. Centorra murmelte Worte der Macht, doch der Zauber, den sie in das ungewisse Nichts hatte schleudern wollen, verpuffte wirkungslos, als der Mast des Schiffes brach und sie unter sich begrub. Ich rang um Atem und kauerte mich zusammen. Unter mir bockte der Schiffsrumpf wie ein junges Pferd und begann sich schneller und schneller im Kreis zu drehen. Der Wind heulte mit tausend kreischenden Stimmen und es wurde kalt. Bitterkalt. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen.
Wir erwachten in einem gewaltigen Krater in der Mitte von Nirgendwo. Um uns herum lagen dutzende Luftschiffwracks, teilweise zerfallen, teilweise geisterhaft intakt. Viele waren versteinert. Außer uns war keine Namensgeberseele zu entdecken. Unser kleines Luftschiff war in der Mitte zerborsten- als sich die Trümmer sah, dachte ich, keiner konnte diesen Sturz überlebt haben, doch nach und nach schälten sich meine Kameraden unter den Trümmern heraus. Außer Prellungen, kleinen Schnitten und blauen Flecken waren wir in Ordnung. Es erschien wie ein kleines Wunder, aber jeder von uns ahnte, daß was immer uns hierher gebracht hatte, uns lebend wollte.
In der Mitte des Kraters fanden wir ein tiefes Loch, das in den Fels hinunter führte. Wir zückten unsere Waffen und bereiteten uns auf einen Kampf vor. Durch das Loch gelangten wir in einen Tunnel, der uns weiter ins Ungewisse führte. Schließlich stießen wir auf Ruinen. Die Ruinen einer Stadt oder einer Zitadelle, die einst groß und mächtig gewesen sein mußte. Vorsichtig sahen wir uns um. Wir schlichen durch die Straßen, jeden Moment darauf gefaßt, unserem Schicksal entgegenzutreten. Wir dachten, wir wären gewappnet, vorbereitet- aber nichts kann einen darauf vorbereiten, einem Dämon ins Gesicht zu blicken. Die Kreatur wußte von Anfang an, wo wir waren. Wir hätten uns nicht verstecken müssen, von Schatten zu Schatten schleichen. Er spielte mit uns.
Die erste Attacke kam auf dem großen Platz in der Mitte der Stadt. Er erschien aus dem Nichts und war plötzlich mitten unter uns. Für einen winzigen Augenblick war er wunderschön- ein gewaltiger Schwarm von tausend Schmetterlingen, deren Schwingen das Licht in allen Farben brachen. Ein helles, klares Singen ging von dem Schwarm aus, der um uns tanzte und unsere Sinne narrte. Niemand von uns konnte sich bewegen, wir alle starrten gebannt auf das prächtige Schauspiel. Dann wurde es bitterkalt. Unthâlis Rüstung gab ein seltsames Quietschen von sich, als sich das Metall zusammenzog. Unser Atem schient in der Lunge zu gefrieren. Die Schmetterlinge taumelten zu Boden wie Schnee und plötzlich war da diese Gestalt. Ich wußte sofort, daß es ein Dämon war.
Dabei sah er aus, wie ein kleiner Junge. Ein gläserner Junge ohne Augen. Das helle Singen wurde stärker und stärker, während Ren'thor und Unthâlis ihre Schwerter gegen das Kind führten. Bei jedem Schlag wurde das Geräusch lauter und intensiver und es wurde kälter. Die Kälte des Todes. Plötzlich drehte sich Unthâlis zu Nusul um und hieb ihr mit seinem mächtigen Zweihänder den Kopf von den Schultern. Er schrie in Panik auf, so als würde sein Körper ihm nicht mehr gehorchen. Centorra warf Zauber um Zauber auf den gläsernen Körper, doch was immer sie tat, nichts schien zu gelingen. Sisperaths Pfeile durchbohrten den Körper des Jungen und auch ich versuchte, ihn zu verletzen. Doch als sich Unthâlis zu uns umdrehte, brach Panik aus. Centorra schrie auf- wir sollten uns zurückziehen. Ich gab Fersengeld. Ich hörte meine Kameraden hinter mir, Centorra, Sispherath und Ren'thor. Bis heute weiß ich nicht, was mit Unthâlis geschah.
Wir rannten fort, durch die Ruinen, in Panik. In einem Haus suchten wir Schutz und verbanden unsere Wunden. Centorra kramte ihr Grimoire heraus und blätterte hastig darin herum. Sispherath überwachte die Straße und ich betete zu den Passionen. Sie hörten mich nicht.
In dieser Nacht erschien er wieder. Sein Lachen dröhnte wie ein Sturm in unseren Köpfen. Wir kämpften mit der Macht der Verzweiflung. Ren'thor führte mächtige Schläge gegen den Jungen, dessen gläserne Haut absplitterte wie Kristall. Doch als wir schon Hoffnung schöpften und zu einem letzten Hieb ansetzten, verschwand er plötzlich. Wir dachten, er sei tot, wir hätten ihn zerstört.
Aber er spielte nur. Er liebt das Spiel.
Abermals versorgten wir unsere Wunden, brauchten unsere letzten Heiltränke auf. Am Morgen holte er sich Ren'thor. Wir haben nur noch seine Schreie gehört. Ich geriet vollends in Panik. Wir waren nur noch zu dritt. Was konnten wir tun? Alles, was uns noch einfiel war, im Tempel der Passionen Schutz zu suchen, daß wir wenigstens auf heiligem Boden sterben würden, wenn der Dämon auch uns holen würde. Die großen Tore waren verschlossen. Sie waren über und über mit Orichalkum und magischen Schutzrunen bedeckt. Ein Funken Hoffnung erglomm in uns. Wir öffneten die Tore und brachten uns dahinter in Sicherheit. Im Tempel war es dunkel und still, und die steinernen Statuen der Passionen blickten stumm auf uns herab. Als Centorra eine Fackel entzündete, wartete eine Überraschung auf uns. In der Mitte der halle stand ein Troll. Wir sahen sofort, daß er ein Untoter war und zogen unsere Waffen. Doch der Troll flehte uns an, ihm zuzuhören. Natürlich glaubten wir an einen Trick des Dämons- und griffen ihn an. Er hatte uns nichts entgegenzusetzten, wie auch? Auch er war nur ein Opfer. Erst, als er im Sterben seine letzten Worte stammelte, wußten wir, welchen schrecklichen Fehler wir begannen hatten. Er wäre unsere einzige Chance gewesen.
Centorra hörte seine Worte und wurde blaß. Der Troll war Juntha, der letzte Überlebende der einst so stolzen Zitadelle von Wahmlock. Er hatte dem Dämon lange gedient und war sein Sklave gewesen für undenkbar lange Zeit. Doch in all dem Leid hatte er sich seine Seele und seinen Verstand bewahren können und Wege gesucht, den Dämon zu vernichten. Der Tempel war der einzige Ort, an dem er frei vom Befehl des Meisters sein konnte. Juntha hatte ein Ritual ersonnen, mit dem man den Dämon besiegen könnte. Wir fanden seine Aufzeichnungen, als wir den Leichnam durchsuchten. Centorra begann sofort, das Gekritzel zu lesen. Als sie fertig war, verbrannte sie die Dokumente und erklärte uns, was zu tun war.
Es war Wahnsinn. Schon mit dem ersten Wort wußte ich, daß es niemals funktionieren würde. Sie wollte ein Artefakt bauen, um den Dämon darin zu fesseln. Es mußte etwas sein, daß das wahre Wesen des Dämons widerspiegelte. Ein Luftschiff aus Orichalkum, und wir alle sollten unser Leben und unsere Seele geben, um den Dämon daran zu binden. Es war Wahnsinn.
Ich konnte es nicht ertragen, aber was hätte ich tun sollen? Fliehen? Keine Chance. Irgendwo da draußen, hinter den Toren des Tempels, lauerte ein Schicksal schlimmer als der Tod. Aber die Alternative war auch nicht rosig. Auch sie bedeutete den Tod. Für eine gute Sache ja, aber ich wollte leben, versteht ihr? LEBEN! Also half ich, das Ritual vorzubereiten.
Wir formten das Orichalkumschiff, obwohl es eher wie ein roher Klumpen mit einem Mast und Segel aussah. Nicht sehr schön, aber es würde dem Zweck schon dienen. Dann kam der Behälter, der das Schiff für alle Zeit sicher bewahren sollte- ein kleiner Sarg aus Kristall. Wie passend.
Als wir das Orichalkum von den Toren des Tempels gekratzt hatten, hatten wir alle bis auf ein magisches Siegel gebrochen. Nun brachen wir auch das letzte und zogen uns in die Halle zurück, über unserem Schiff lauernd, bereit, die mächtigen Worte der Magie zu sprechen, die Juntha ersonnen hatte. Der Dämon kam. Er war begierig, sein Werk endgültig zu vollenden. Der gläserne Junge schritt unbehelligt durch die Tore und kam auf uns zu. Der gleißende Schmetterlingsschwarm umhüllte ihn, doch anstelle von Schmetterlingen sahen wir geflügelte, verzerrte Namensgeberleiber um ihn schwirren. Sie schrien. Sie riefen uns. Langsam schritt der Junge auf uns zu. Es wurde kalt. Eisig. Ich konnte kaum atmen. Da begann Centorra neben mir, die Zauberformel zu sprechen und durchtrennte sich mit dem Dolch die Pulsschlagadern. Als der erste Tropfen ihres Blutes auf das Orichalkumschiff fiel, schrie der Gläserne Junge auf. In seiner Haut war ein haarfeiner Sprung. Sispherath schoß Pfeile auf ihn, und der Dämon wirbelte zurück. Währenddessen tropfte Centorras Blut immer schneller und schneller auf das Schiff, bis es schließlich in roten Strömen aus ihrem Körper gezogen wurde. Bald schwamm das Schiff in einem See von Blut und Centorra fiel zu Boden. Der Dämon schrie voll Qual und seine Haut begann, zu bersten. Große gläserne Stücke fielen zu Boden und verdampften in einem gleißenden Nebel. Da warf Sispherath seinen Bogen fort und nahm Centorras Dolch. Auch er schnitt tief in sein Fleisch und das Blut quoll weiter über das Schiff. Der Dämon wand sich in Agonie, und ich war voller Genugtuung. Während Sispheraths Leben aus seinem Körper rann, zerbrach der gläserne Junge in tausend Stücke und wurde zu einem wirbelnden Nebel, der auf das Schiff zugesogen wurde. Plötzlich brach gleißendes Licht aus dem Artefakt und das Blut begann zu kochen. Es fraß sich in Windeseile tief in den Boden und in Panik sprang ich zur Seite. Der Dämon waberte über dem Schiff, das seinerseits über einem tiefen kreisrunden Schacht schwebte, auf dessen Grund das Blut kochte. Ich sah Centorra darin schwimmen und Sispherath- und sie schrien. Ihre Körper wurden von Händen und Krallen aus Blut zerfleischt und der Dämon lachte grausam. Ich sah Centorras Dolch auf dem Boden liegen und hob ihn auf. Ich wußte, ich müßte meinen Kameraden folgen, um den Dämon endgültig zu vernichten. Aber ich sah, was mit ihnen geschah- sie waren in diesem Pfuhl und sie waren nicht tot, nein. Sie lebten und was mit ihnen passierte war.... schrecklich. Der Dämon wurde in das Schiff gesogen. Sein Lachen verhallte und das Blut in dem Schacht begann, große Blasen zu werfen. Es rief mich. Centorra rief mich. Ihr Gesicht war nur noch eine blutige Masse. Vollende es, schrie sie.
Ihre Stimme war ein tonloses Röcheln. Ich konnte es nicht.
Ich konnte es nicht.
Ich nahm den Dolch und rannte davon. Ich habe sie verraten.

Ich weiß nicht, wie ich es wieder in bewohntes Gebiet schaffte. Alles, was seit dieser Nacht geschehen ist, ist wie ein Traum, ein Alptraum.