Vom Tod König Beorgens

Ihr alle kennt die Legenden von Landis‘ stolzem König Beorgen, von seinem Wandel vom kriegerischen Tyrann zum gütigen Herrscher, von seinem Kampf gegen das Dutzendgewürm, der glorreichen Schlacht von Kîssur und von seinem treuen Schwert Chaikor, geschmiedet in den Ewigen Flammen des Siedenden Berges und geweiht in den Quellen des Morgens, mit dem er hunderte von Dämonen und ihrer Konstrukte erschlug und den Ruhm der Legenden nach Landis trug.
Aber eine der größten Geschichten ist zweifelsohne die über den Kampf mit dem mächtigen Dämon Braghar, genannt Tausendschlächter, Herr des Seelenlosen Grundes. Sechsmal waren die beiden aufeinander getroffen. Braghar hatte unzählige Komplotte gegen den König gesponnen und Übel und Grauen über das Land gebracht. Er hatte die Quellen und Flüsse vergiftet, die Ernten vernichtet, die Herden unfruchtbar und das Metall der Minen brüchig gemacht. Er sähte Zorn, Unzufriedenheit und Gier in die Herzen der Menschen und im Jahr der Finsternis tötete er alle Neugeborenen Kinder noch vor ihrer Namensgebung.
Doch jede dieser Plagen konnte der König abwenden von seinem Volk durch List und Geschick. Zweimal trafen die beiden in direktem Kampf aufeinander, doch keinem von beiden gelang es, den anderen zu töten. Nach jedem Kampf und jeder Konfrontation waren beide um so entschlossener, den alten Feind endgültig zu vernichten.
Eines Tages aber begab es sich, daß Tausendschlächter von den drei Seelenlosen Stimmen geweissagt wurde, daß ihn sein alter Feind noch vor Ende des Mondes töten und in die Niederhöllen zurückwerfen würde. Der Dämon war wild und außer sich vor Wut. Da sandte er seine Späher in den Palast des Königs. Er gab ihnen ein Kleinod, mit denen er ihre Gesichter, ihre Stimmen und ihr Wesen so verwandelte, daß sie wie Vertraute des Königs aussahen und niemand, auch nicht die besten Magier und Gelehrten, sie von den echten Personen unterscheiden konnten.
Es war die Zeit, in der die Schatten der Plage immer bedrohlicher wurden, und der Bau des Caers von Landis stand kurz vor der Vollendung. Die Späher Tausendschlächters schlichen vorbei an den Wachen, vorbei an den Runen des Schutzes, die noch nicht geweiht waren und deren Schutzmagie noch nicht wirksam war. Wie Schatten huschten sie durch die Straßen der Stadt und in den Palast und dort, unbeobachtet, stahlen sie drei von des Königs liebsten Gegenständen; seinen blauen Mantel, den der Elementar Qisshalhair für ihn gewoben hatte, seinen Siegelring mit dem königlichen Wappen und den Helm seines toten Kameraden Ulthar, der durch sein Schwert gestorben war. Diese Dinge brachten die Späher zu Braghar und der Dämon wob Fäden der Macht zu ihnen, um Beorgens Kraft von innen heraus zu verderben. So wurde Beorgen von einer verzehrenden Krankheit befallen und siechte dahin.
Als er merkte, daß seine liebsten Gegenstände verschwunden waren, wußte er, daß unheilige Kräfte ihr Werk verrichteten. Er ließ sein Pferd satteln und ritt hinaus in die Wildnis, um sich dem letzen Kampf zu stellen. Auf einem Plateau in den Bergen stieg er vom Sattel, verscheuchte sein Pferd und rief dreimal den Namen des Tausendschlächters. Dieser erschien kurz drauf in einer gewaltigen Wolke aus Pest und Schwefeldampf und lachte furchtbar, denn er sah, wie Beorgen sich kaum noch auf den Beinen halten konnte vor Schwäche und Siechtum. Doch der König war entschlossen, der verderbten Gestalt endlich den Tod zu bringen und ohne ein weiteres Wort zog er sein Schwert Chaikor um es gegen die Bestie zu führen. Aber mit jedem Schlag, mit jedem Hieb, den er gegen en Dämon führte, wich die Kraft aus Beorgens Körper und der Dämon fügte ihm mit seinen metallenen Klauen tiefe Wunden zu. Keuchend, seine Kleider getränkt von Schweiß und Blut, mit all seiner verbleibenden Kraft führte der König einen gewaltigen Hieb gegen den Tausendschlächter. Doch der Dämons sah den Schlag kommen, so wie er alle Schläge Beorgens vorhergesehen hatte, denn durch die Magie seiner Fäden war er tief in Beorgens Geist gedrungen. Also wich er aus und führte den Schwung des Angriffs auf den Angreifer zurück und Beorgen wurde mit aller Macht getroffen und an eine Felswand geschleudert, vor der er keuchend und schwer verwundet liegen blieb.
Der König fühlte, wie seine Kraft nun gänzlich Opfer der Dämonenmagie wurde und mit jedem Tropfen seines Blutes, das auf den Boden sickerte, schwanden ihm mehr die Sinne. Als er so da lag in jenem Zustand zwischen Leben und Tod erschienen plötzlich Bilder vor seinen Augen, Bilder aus seiner Kindheit, seiner Jugend. Und dann sah er wieder den Alten Mann, den er einst sterbend unter der Uralten Eiche gefunden hatte und er erinnerte sich an die Worte, die er zu ihm gesprochen hatte.
„Du wirst leben und ein großer König sein, und alle Welt wird deinen Namen kennen und mit Ehrfurcht von dir sprechen, und dein Wort wird Gesetz sein. Doch im Augenblick deines Todes wirst du ein einfacher Mann sein, ohne Namen.“
Und erst jetzt erkannte Beorgen die Wahrheit dieser Worte und er beschloß, seinen Namen aufzugeben und alles, was ihn ausmachte. So legte er den Namen ab und die Magie seiner Disziplin fiel von ihm und er vergaß, wer er war. Im selben Moment aber fielen die Fäden des Dämons von ihm ab und der Tausendschlächter schrie vor Zorn, denn mit den Fäden schwand auch ein großer Teil seiner Magie, die er in des Königs Wesen gewoben hatte. Als aber der Namenlose sah, daß der Dämon keine Macht mehr über ihn hatte, nahm er mit letzter Kraft das Schwert, das neben ihm lag und rammte es dem Dämon tief in seinen fauligen Körper. Braghar schrie fürchterlich und sein Heulen ließ Stein bersten und Pflanzen verdorren, aber die Wunde war tödlich und er löste sich auf und fuhr zurück in die Niederhöllen.
Der Namenlose schleppte sich zurück, doch seine Wunden waren tief und er starb vor den Toren von Caer Landis. Seine Gemahlin, die Königin Delhîra, ließ das Caer versiegeln, blieb aber selbst draußen, denn nun da ihr Gatte tot war, wollte auch sie nicht mehr leben. Sie brachte den Leichnam des Königs in den Tempel des Zwiegesangs, von woher Beorgen sie einst geraubt hatte. Dort wurde sein Grab errichtet und Delhîra versiegelte den Tempel und verbarg ihn vor dem Angesicht der Welt.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.