Ainacals Schicksal

- Diese Geschichte wurde uns von Thamen dem Dunkelgewandeten überbracht
und berichtet vom Untergang der lang vergessenen Stadt Ainacal.
Thamen und seinen Gefährten gelang es, die Stadt wiederzuentdecken
und ihr zumindest dieses eine Geheimnis zu entlocken. - Nividia, Scholarin der Großen Bibliothek

Ich schreibe diese Worte auf, damit unser Schicksal nicht vergessen wird, und die schändlichen Taten des Mannes, der sich Re’Crannas nennt.
Mein Name ist Leiano, und gehöre zu den letzten Überlebenden des Schreckens, der über uns gekommen ist. Einst war ich ein unbedeutender Schreiber in unserer schönen Bibliothek, die nun ebenso in Trümmern liegt, wie der Rest von Ainacal. Nun bin ich die letzte Stimme, die vom Untergang unseres Volkes berichten kann.
Furchtbare Wesen wurden von den Verdrobenen Runen angelockt und streichen während meine Feder über das Pergament huscht, durch die Straßen. Sie sind auf der Suche nach den wenigen, die überlebt haben.
Wir alle sind verloren, daß weiß ich, aber weder unser Tod noch der der tapferen Alyina soll vergessen werden, das schwöre ich beim Licht der Passionen.
Da ich nicht weiß, wieviel Zeit uns noch bleibt, werde ich versuchen, die Geschichte in knappen Worten zu erzählen.
Re’Crannas, sein Name soll verflucht sein, kam vor fast zwanzig Jahren in unsere Stadt. Wie überall liefen auch hier die letzten Vorbereitungen zum Schutz vor der Plage, und alle arbeiteten fieberhaft an der Vollendung der letzten Schutzmechanismen.
Re’Crannas, der Obsidianer, kam nach Ainacal und berichtete von furchtbaren Dinge, die er auf seiner Reise gesehen hatte. Er sprach von Städten, die Dämonen zum Opfer gefallen waren, Städte, die ganz nah von Ainacal am Fluß lagen. Er weckte Besorgnis und Unruhe unter den Bewohnern, und Furcht schlich durch unsere Straßen. Weil er ein Obsidianer war, und die Steinbrüder großes Ansehen in unserem Volk besitzen, schenkte man seinen Worten ohne Zögern Glauben. Der Rat bat ihn um Hilfe, denn Re’Cannas hatte auf seinen Reisen nicht nur von Dämonen gehört, sondern sie auch mit Magie und Zauberei bekämpft- so zumindest wollte er es allen weismachen.
Wie furchtbar irrten wir uns-
Mit der Zeit gewann Re’Cannas das Vertrauen des Rates und der Zauberkundigen und er überredete die Baumeister der Schutzwälle, die Steine mit besonderen Runen zu versehen. Sie taten es, und ohne es zu Wissen, luden sie damit den Schrecken ein, der uns alle vernichten sollte.
Denn die Runen, die Re’Cannas nach Ainacal gebracht hatte, waren ihn von einem Dämon gelehrt worden und mit jedem Stein, der in die Schutzwälle eingefügt wurde, wurden die magischen Schutzvorkehrungen der Stadt geschwächt. An dem Tag, da die magischen Wälle aktiviert wurden, ahnte niemand, daß die Runen begannen, die Dämonen zu rufen. Zehn Jahre weitere vergingen und alle Bewohner der Stadt wiegten sich in Sicherheit, denn die Schutzmechanismen schienen perfekt zu funktionieren. Re’Cannas nutze die Zeit, um sich noch mehr Vertrauen und Einfluß in der Stadt zu sichern. Längst hatte man ihn zum Meistermagier ernannt und ihm Überwachung der Schutzwälle übertragen. So merkte niemand, wie langsam die letzten Schutzrunen zerbröckelten und die verdorbene Magie des Obsidianers ihre volle Wirkung erzielen konnte.

Schließlich kam der Tag der Furcht, der Tag, an dem Ainacal, unsere stolze, schöne Stadt vernichtet wurde, von den Klauen des Dämons Doppelzunge.
Er erschien eines morgens urpötzlich mitten auf dem Markplatz. Die Kreatur war gewaltig- mehr als ein Dutzend Schritte hoch, ein gewaltiger, deformierter Torso auf vier schlacksigen Beinen, wie die eines Käfers. Eine Unzahl messerscharfer Hörner und Widerhaken wucherte wild aus seinem Rücken und eine schleimige, orangrote Flüssigkeit bedeckte das, was sein Bauch sein mußte. Der Kopr ähnelte einem blanken Schädel, doch konnte ich ihn weder einem Namensgeber noch irgendeiner anderer lebenden Kreatur zuordnen. Vier Reiehn messerscharfer Zähne blitzen den kreischenden Städtern entgegen, die in wilder Panik auseinanderstieben. Die fast fünf Ellen lange, rostrote Zunge mit gespaltenem Ende züngelte durch die Luft und schien Witterung aufzunehmen. Vergeblich versuchte die Stadtwache, die Kreatur zu töten, aber der Dämon mähte sie mühelos mit seinen mächtigen Pranken nieder. Ich hörte, wie man Re’Crannas Namen rief, ihn um Hilfe bat. Und als er schließlich aus seinem Haus am Marktplatz trat, glaubten alle, er würde der Kreatur Einhalt gebieten. Er schritt mit erhobenen Händen auf das Wesen zu und murmelte magische Worte. Ungehindert ließ ihn der Dämon bis dicht an sich kommen. Die Menge jubelte bereits, als sich der Obsidianer plötzlich zu Boden warf und rief:
„Mächtiger Doppelzunge- hier ist mein Geschenk an dich. Möge mein Werk deinen Ruhm ehren.“
Dann brach das Verderben über die Stadt herein. Der Dämon tötete, was immer ihm in den Weg trat.
Am Ende des Tages lebten nur noch wenige- versteckt in ihren Häusern oder Kellern. So wie ich- ich hatte mich in meinem Haus verbarrikadiert Von meinem Fenster hielt ich Ausschau nach dem Dämon, ein lächerliches Schwert in meine Faust geklammert. So wurde ich Zeuge der kommenden Ereignisse.
Als sich die Nacht über Ainacal senkte, sah ich plötzlich einen Schatten über den Platz huschen. Ich sah, daß es Alyina war, die Tochter des Schmieds. Sie lief in den Tempel und wenig später kam sie mit dem Gläsernen Hammer wieder heraus. Wie verzweifelt muß sie gewesen sein- den Hammer aus dem Tempel zu stehlen! Aber die Passionen werden ihr vergeben haben, denn hätte sie den Hammer nicht gestohlen, wer ahnte unser Schicksal....
Alyina machte sich auf die Suche nach Doppelzunge und schließlich fand sie ihn. Der Kampf war lange und bitter und scheuchte beide durch die gesamte Stadt. Schließlich gelangten sie auf dem Marktplatz, dort, wo der Dämon auch erscheinen war. Alyina, bereits scher verletzt, nahm all ihre Kraft zusammen und fügte dem Dämon einen gewaltigen Schlag zu, der seine Brust zerschmetterte. Die orangene Flüssigkeit spritzte in alle Richtungen und seine Klauen und Gliedmaßen zuckten wild umher. Wo ihn der Hammer berührt hatte, erstarre sein Leib plötzlich zu Glas und er stieß furchtbare Schreie aus. Dann zerbarst er in tausend Stücke. Alyina wurde nach hinten geschleudert. Ich sah, daß die gläsernen Splitter sich in ihr Fleisch bohrten und sie sank schwer verletzt zu Boden.
Da löste sich aus dem Schatten eine Gestalt: Re’Crannas, der den Kampf aus sicherer Entfernung beobachtet hatte. Der Obsidianer trat über sie und lachte. Er schwor, wenn es auch sein finsterer Herr nicht mehr konnte, so würde er doch dafür sorgen, daß Ainacal und all seine Bewohner vernichtet werden würde. Dann hob er seine Axt und trennte Alyina beide Arme und Beine vom Körper, so daß nur noch ein blutiger Rumpf übrig war.

Noch während ich diese Worte schreibe, rinnen mir Tränen über die Wangen, denn niemand, mich armseligen Feigling eingeschlossen, wagte es, Alyina zu Hilfe zu kommen. Stunde um Stunde lag sie reglos auf dem Marktplatz, in einer immer größer werdenden Lache dunklen Blutes. Der Gläserne Hammer lag, fast wie Hohn nur wenige Spann neben ihr, aber wie hätte sie ihn schon erreichen sollen...?
Und während sie dort lag und das Leben aus ihr wich, schlich Re’Crannas durch die Straßen der Stadt und vollendete mit bloßen Händen das, was sein Meister nicht mehr tun konnte. Ich hörte Schreie, fruchtbare Schreie, und mit jedem Laut, mit jedem Schluchzen, kroch ich tiefer in die Mauern meines Hauses.
Schließlich hörte ich nichts mehr.
Ich weiß nicht, warum oder wie- ich war starr vor Angst und konnte mich kaum bewegen, doch etwas zog mich zurück an das Fenster meines Zimmers und ich blickte hinaus auf den Platz. Dort sah ich Re’Crannas, der über Alyina stand, sein Körper rot vom Blut all der Toten. Er lachte, denn die junge Frau war noch immer am Leben und blickte ihn voll Trauer und Haß an. Ihre letzten Worte waren mehr ein Flüstern, doch ich konnte sie so klar hören, wie nichts zuvor in meinem Leben.
„So wie mein Blut aus meinem Körper rinnt, so soll dein Leben verrinnen. So wie der Gläserne Hammer deinen Herrn Doppelzunge vernichtet hat, so soll seine Kraft auch dich zerstören.“
Und im gleichen Moment schrie Re’Crannas auf und sah an sich hinunter. Seine Beine, die in Alyinas Blut standen, begannen, durchsichtig zu werden, zu Glas zu erstarren. Ich konnte sehen, wie er mystische Handbewegungen vollzog, ein verzweifelter Versuch, sein Schicksal abzuwenden. Doch tief in meinem Herzen wußte ich, daß ihm nichts mehr helfen konnte- im Tod hatte Alyina über ihn gesiegt.
Re’Crannas stolperte davon, zu seinem Haus. Drei Tage und Nächte sah ich Licht in seiner Kammer, doch schließlich erlosch es. Ich faßte all meinen verblieben Mut zusammen und schlich mich dorthin. Ich fand Re’Crannas auf dem Boden seiner Kammer liegen. Er war gänzlich zu Glas erstarrt. Seine Gesichtszüge verrieten mir, daß er Schmerzen jenseits meiner Vorstellungskraft erlitten hatte, und für einen kurzen Moment war mein Herz voller Genugtuung. Dann aber sah ich, daß er vier Steintäfelchen geschaffen hatte, die um ihn auf dem Boden lagen. Ein ungutes Gefühl kam in mir hoch, und ich beschloß, die Tafeln zusammen mit Re’Crannas Überresten zu vernichten.
Zusammen mit Opanun, T’zuula und Shikerell, einigen der wenigen Überlebenden, die auch jetzt zu meiner Seite sitzen, warfen wir die gläserne Statue aus dem Fenster des Hauses und sie zerbarst.
Die Tafeln aber konnten wir auch mit großer Mühe und Anstrengung nicht vernichten. Ich nahm sie an mich, ebenso den Gläsernen Hammer, der das Blut des Dämons geschmeckt hatte.
Anschließend bestatteten wir Alyina und die anderen Gefallenen in einem großen Feuer. Noch während die Flammen ihre Geister in die ewige Nacht trugen, hörten wir, wie weitere Kreaturen durch die äußeren Mauern in die Stadt drangen. Wir versteckten uns. Wir tun es noch immer.
Alles, was uns bleibt, ist die Erinnerung.

Ich weiß nicht, was Re’Crannas in die Tafeln geritzt hatte, denn ich konnte die Runen nicht entziffern. Aber ich glaube, daß sie seinen furchtbaren Fluch tragen oder seine verdorbene Magie. Ich habe sie an den einzigen Ort gebracht, der noch sicher scheint- in den Tempel. Naêna, die Hüterin des Hammers, wird darüber wachen und sie vor den dämonischen Kreaturen, die in die Stadt schwemmen, bewahren. Auch den Hammer habe ich in Sicherheit gebracht.

Der Tod ist nah- ich kann ihn an der Steintür kratzen hören. Nur noch Shikerell ist übrig. Seine Hand liegt auf meiner Schulter, während ich dies schreibe.
Wir sprechen zu all denen, die nach uns kommen werden. Erinnert euch unserer Namen-