Von den Tausendaugen

 

- Ein Reisebericht des Zwergenabenteurers Cor Flinkehand von Bord des Fangschiffes "Reeda" -

Ich schreibe von Bord des Fangschiffes Reeda, das unter dem Kommando von Ryhan dem Flinken vor drei Tagen aus Urupa ausgelaufen ist. Wir sind auf dem Weg zu Chrorollis Gildenheim, um von dort aus eine Expedition in die Drachenberge zu unternehmen. Wir- das sind ich, und meine vier Gefährten Assila, Moron, Tipsis und Pentari. Kapitän Ryhan bot uns freundlicherweise an, auf der Reeda zu mitzureisen, vorausgesetzt, wir würden seiner Mannschaft bei der Jagd unter die Arme greifen.
Die Reeda ist wir erwähnt ein Fangschiff; sie sind auf der Jagd nach Kreaturen, die Tausendaugen genannt werden und an den Ufern des Arasmeers hausen. Sie werden wegen ihrer besonders gezeichneten Haut gejagt, die in Urupa wohl einige Silberstücke einbringt.

Es ist der fünfte Tag unserer Reise; heute morgen sind wir an Land gegangen, nachdem der Ausguck Zeichen einer Tausendaugen-Kolonie entdeck hatte.
Der Fangtrupp bestand aus etwa zwanzig Mann, uns fünf eingeschlossen. Die Küste war an dieser Stelle rauh und zerklüftet und es gelang nur unter Schwierigkeiten, mit dem Beiboot an einer Klippe anzulegen. Schon aus der Ferne sahen wir die seltsamen Behausungen der Tausendaugen. Es waren etwa drei bis vier Schritt hohe Röhren aus Sand und Gestein, die wie Finger aus dem glitschigen Boden ragten. Wir konnten keines der Wesen entdecken und schlichen vorsichtig näher. Alsoor, der Erste Maat war beunruhigt, daß wir noch keines der Wesen zu Gesicht bekomme hatten. Die Tiere seien normalerweise nicht scheu, sondern eher neugierig, und es wäre ein leichtes, sie zu töten. Wir erreichten die ersten Röhren. Tipsis, der über unseren Köpfen flog, konnte erkennen, daß die Röhren in die Tiefe des Felsens führten. Er nahm all seinen spärlichen Mut zusammen und flog mit einem Lichtquarz bewaffnet in eine der Röhren hinunter, während wir anderen draußen Wache hielten und uns genau umsahen. Wenig später kam Tipsis zurück. Er berichtete, daß die Röhren in ein Tunnelsystem führten, und daß er dort unten etwas gesehen habe. Alsoor wurde von Eifer gepackt und befahl seinen Männern, durch die Röhren in die Tunnel hinabzusteigen. Mir und meinen Gefährten war nicht ganz wohl bei der Sache, aber wir wollten unser Gesicht nicht verlieren und schlossen uns den Männern an. Die Röhren waren an der Innenseite glatt und schlüpfrig und wir rutschten mehr hinab, als daß wir stiegen. Als wir unten ankamen, hatte Alsoor seine Männer bereits in Gruppen eingeteilt, die sich nun in vier Richtungen auf den Weg in die Tunnel machten. Wir schlossen uns Alsoors Trupp an. Die Tunnel ersteckten sich erstaunlich weit unter die Felsen; sie führten vom Land weg und wir mußten uns bereits unter dem Meer befinden, als wir auf eine flache Höhle stießen. Der Boden der Höhle war mit Wasser bedeckt, und in den Wänden sahen wir etliche kreisrunde Löcher, hinter denen schwarze Finsternis lauerte. Alsoor watete ein paar Schritte ins Wasser und leuchtete mit der Fackel über die dunkle Oberfläche, die unbewegt wie ein Spiegel dalag.
Plötzlich sah ich einen silbrigen Schatten, der sich pfeilschnell und dicht unter der Wasseroberfläche auf Alsoor zubewegte. Ich wollte ihn warnen, doch er schrie zuerst und war von einem Moment auf den anderen im trüben Wasser verschwunden.
Im gleichen Moment sprangen dutzende von Tausendaugen aus den Röhrengängen in die Höhle. Sie stießen spitze Schreie aus, die in den Ohren klirrten. Tipsis schien davon sogar Schmerzen zu bekommen, denn er vergrub seinen Kopf in den Armen und machte sich taumelnd davon.
Die Tausendaugen erinnerten mich ein wenig an eine verkleinerte Ausgabe eines T'skrangs (man möge mir den Vergleich verzeihen), nur hatten sie einen langen, platten Kopf, der dirket in den Hals überging. Sie gingen etwa bis zur Hüfte eines Menschen und ich konnte deutlich die prachtvolle Zeichnung auf ihren Bäuchen erkennen, die sie so wertvoll machte.
Zwischen Fingern und Zehen hatten sie breite Schwimmflossen, die sie beim Gehen etwas beginderten. Nichts desto trotz bewegten sie sich sehr schnell und flink und hatten uns in kurzer Zeit umringt. Sie trugen keine Waffen aber da war etwas in ihren Augen, das mich schaudern ließ. Sie schienen entschlossen zu sein, ihren Bau oder wo auch immer wir hineingeraten waren, zu schützen.